Luto runzelte die Stirn und überlegte. Er konnte spüren, dass er drauf und dran war, bei den beiden Reisenden auf Ablehnung zu stoßen - eine in seinem Metier ausgesprochen unerwünschte Reaktion. Einen Moment lang ärgerte er sich über sie, darüber, dass er mit den gewohnten Mitteln keinen rechten Zugang zu ihnen finden konnte. Langsam häuften sich in diesem Land unangenehmerweise die Begegnungen mit Leuten, denen er nicht viel vormachen konnte. Dann jedoch ärgerte er sich vielmehr über sich selbst, dass er nicht in der Lage schien, sich den hiesigen Gebräuchen und dem sozialen Umgang so reibungslos anzupassen, wie er es üblicherweise vermochte. Er überlegte und kam zu dem Schluss, dass dies möglicherweise mit der starken religiösen Ausrichtung der Bevölkerung hierzulande zusammenhing. Die Legende der drei Göttinnen war Luto wohlbekannt - die wildesten Geschichten, die sich um diese alte Sage rankten, hatten selbst bis an die nördlichsten Grenzen von Lukaria ihre Runde gemacht - und er hielt sie für Unfug. Er hatte auf seinen Reisen allerhand seltsames Zeug gesehen, Dinge, die sein Vorstellungsvermögen hart strapazierten und wohl nur durch Magie zu erklären waren, doch nichts, was ihn davon überzeugt hätte, dass sie alle der Willkür und Laune von drei Göttinnen entsprungen sein sollten, die scheinbar wahllos eine Welt erschufen, nur um sie anschließend im Stich zu lassen und die Völker in einem ewigen Wettrennen um die Erfüllung ihrer Träume durch überirdische Artefakte aufeinander zu hetzen. Nichtsdestotrotz schienen nahezu alle in Hyrule einen Narren gefressen zu haben an diesen ominös-romantischen alten Geschichten und das war es möglicherweise auch, was seine Wirkung auf die Leute hier drückte: Hylianer waren auf das Göttliche fixiert. Das Menschliche, egal wie wohlgefällig und schmeichelnd es sich präsentierte, vermochte sie nicht zu beeindrucken.
"Also schön", murmelte er ebenso zu sich selbst wie zu seinen neuen Bekannten, als er einen Entschluss fasste. "Ich wollte nur freundlich sein. Wenn Ihr laufen wollt, dann laufe ich auch. In Gegenwart einer Dame wäre es wohl unpassend, als Einziger zu reiten."
Er packte die Zügel von Bukephiron und zog leicht daran, bis sich der Hengst in Bewegung setze. So machten sie sich auf den Weg in Richtung Osten, wo ein gewaltiger Berg mit rauchender Spitze in der Ferne aufragte.
Der Anfang der Reise verlief weitgehend ruhig. Luto kannte die beiden nicht und hatte daher nicht viel zu sagen; Trakon schien Elena zwar etwas erzählen zu wollen, doch Luto hegte den Verdacht, dass er aufgrund seiner Gegenwart etwas verhalten war. Während sie also still dahingingen, betrachtete Luto seine beiden Wegbegleiter erstmals etwas genauer. Hatte er sie zunächst nur oberflächlich eingeschätzt, so konnte er nun einen genaueren Eindruck von ihnen gewinnen.
Trakon führte einen kunstvoll gefertigten Bogen mit sich, der zwar gewisse Abnutzungserscheinungen zeigte, aber noch bestens zu funktionieren schien. Luto vermutete, dass Trakon diese Waffe pflegte und sie ihm viel bedeutete. Wer solche Acht darauf gibt, so dachte Luto, kann damit gewiss auch umgehen. Trakon wirkte sportlich und gut in Form; er hätte wohl der perfekte Jäger sein können, wenn da nicht diese blaue Kleidung gewesen wäre, die denkbar ungeeignet dafür war, sich in freier Wildbahn an irgendeine beliebige Beute anzupirschen. Luto kam zu dem Schluss, dass Trakon vermutlich in Hyrule oder einer anderen Stadt sein Geld verdiente, wahrscheinlich als Wächter oder Kopfgeldjäger.
Aus Elena hingegen wurde Luto vom Anschauen nicht so recht schlau. Hatte er sie zunächst als gewöhnliche junge Frau eingeschätzt, so machte er sich mittlerweile einen Reim darauf, dass dies kaum der Wahrheit entsprechen konnte. Darauf wies nicht nur der eindrucksvolle Speer hin, den sie bei sich trug, auch ihre Art, sich durch die Steppe zu bewegen, ließ Luto eine geistige Notiz machen, sie nicht mehr als "Dame" zu titulieren. Die meisten Damen, die er kennengelernt hatte, hätten solches Terrain eher stolpernd und schwankend durchquert; Elena jedoch ging mit geschmeidigen, sicheren Bewegungen, die preisgaben, dass ihr der Aufenthalt in der Wildnis keineswegs unbekannt war. Außerdem fühlte sie sich durch die Gegenwart der beiden Männer und ihre Benachteiligung, nicht sprechen zu können, augenscheinlich nicht verunsichert. Dieses Mädchen hatte entweder ein gewaltiges Selbstwertgefühl - oder gar keins. Beides, so entschied Luto still, konnte ihr in ihrer Lage nur zum Vorteil gereichen.
Als die Stille unangenehm zu werden begann, fing das Mädchen an zu pfeifen - eine heitere Melodie, die in Luto unwillkürlich Unbeschwertheit hervorrief. Auch Trakon schien sich zu entspannen und Luto sah ihm an, dass ein Teil dessen Misstrauens, dem er sich bereits die ganze Zeit ausgesetzt fühlte, verschwand. Womöglich war das der richtige Zeitpunkt, ein Gespräch in Gang zu bekommen und mit etwas Glück die eine oder andere wertvolle Information aufzuschnappen. Luto räusperte sich vernehmlich.
"Ihr scheint mir ein außergewöhnliches Gespann zu sein", begann er. "Wie kommt es, dass Ihr zusammen reist? Begleitet Ihr Elena im Auftrag der Wache?"