Arks Tagebuch Part 25
Ich kann bis heute nicht sagen, wie lange meine Seele im vollkommenen Nichts gefangen war, bevor ich wiedergeboren wurde und sich mein Bewusstsein zum ersten Mal wieder regte.
Es mochten Wochen vergangen sein oder Monate oder sogar Jahre...
Das Einzige, das ich weiß ist, dass das Erste, das ich wieder wahrgenommen habe, eine körperlose Stimme gewesen ist, die direkt in meinem Kopf zu sprechen schien.
Anfangs war diese nichts weiter als ein Geräusch, doch je wacher mein Geist wurde, desto mehr Worte schälten sich aus dem ansonsten formlosen Hintergrundrauschen heraus: "... aus dem Gleichgewicht geraten... Retter der Welt erkoren... Höre ihre Stimmen..."
Der Sprecher in meinem Kopf wechselte, doch ich konnte den neuen genauso wenig zuordnen wie den ersten: "... von der Natur entfremdet... wie du auch mich vom Moloch befreit hast..."
Die Worte fielen durch meinen Geist wie Steine durch Wasser und versinken komplett, bevor ich sie wirklich erfassen konnte.
"Der Himmel weint bittere Tränen." Die Stimme hatte erneut gewechselt und mein Bewusstsein rührte sich zum ersten Mal seit langer Zeit. Erste Lichtstrahlen drangen in die tiefe Dunkelheit, die mich umgab und so etwas wie der Schatten einer Erinnerung strich über mich hinweg.
Der Sprecher in meinem Kopf wechselte ein weiteres Mal und wandte sich in flehentlich klingendem Ton an mich: "Hörst du mich, Ark? Ich bin es - Liam."
Liam?
Der Namer flutete meinen Geist und riss mein Bewusstsein endlich aus seinem Koma, während das Bild eines prächtigen Löwens vor meinem inneren Auge erschien.
Die sanfte Stimme sprach unterdessen weiter: "Einst hast du mir bei meiner Prüfung beigestanden und mir geholfen, meinen Mut zu finden. Nun braucht die Welt deine Unterstützung."
Ich wollte etwas entgegnen, doch mein Körper schien mir nicht zu gehorchen.
Hatte ich überhaupt so etwas wie einen Leib?
Ich war mir nicht sicher. Im Moment wusste ich lediglich, dass ich in irgendeiner Form existierte, weil Gedanken durch meinen Geist drifteten wie Treibholz.
Die mein Bewusstsein umschlingende Stimme wechselte ein letztes Mal, wodurch der erste Sprecher wieder das Wort ergriff. Anders als zuvor war mein Geist nun wach genug, um mehr als nur ein paar kurze Satzfetzen aufzunehmen: "Hast du ihre Stimmen gehört?"
Der Name 'Lord Kumari' ging mir durch den Kopf, während dieser mit strengem Tonfall forderte: "Erwache, Ark! Die Welt braucht ihren Helden!"
Eine sonderbare Energie schien über mich hinweg zu rollen und ich schlug blinzelnd die Augen auf.
Das Erste, was ich sah, war eine dunkle Wand aus grauen Ziegelsteinen und ein Fußboden aus gestampftem Lehm.
Ein Keller...
Waren die zurückliegenden Ereignisse womöglich nur ein sehr skurriler Traum gewesen und ich befand mich noch immer unter dem Haus des Weisen in Krysta?
Hatte der Alte den Zugang hierher versperrt, weil irgendetwas hier unten heftige Halluzinationen auslöste?
Doch dann drang ein erschrecktes Keuchen an meine Ohren und meine Traumtheorie fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Denn als ich mich umdrehte, starrten mich nicht etwa eine, sondern zwei Melinas aus kreisrunden Augen und mit offenstehenden Mündern an, als wäre ich eine Art Schreckgespenst.
Mein noch immer etwas benebelter Geist brauchte einen Moment, um die Bedeutung dessen zu verstehen. Doch als ich endlich begriff, machte ich instinktiv einen Schritt auf meine Jugendliebe zu, die ich dank ihres Armbands leicht von ihrem Oberweltgegenstück unterscheiden konnte - immerhin hatte ich dieses Schmuckstück vor langer Zeit selbst gebastelt und ihr geschenkt, als ich ihr meine Liebe gestanden hatte.
"Melina! Was machst du denn hier?!" Meine Stimme klang nach der langen Zeit des Nichtgebrauchs rau und fremd in meinen eigenen Ohren, doch das nahm ich nur am Rande wahr.
Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, das Antlitz meiner früheren Freundin zu mustern und die Spuren der Zeit darin zu entdecken. Als ich sie verlassen hatte, waren wir beide noch halbe Kinder gewesen, doch nun war sie eine gestandene Frau mit ersten, zarten Falten um die Mundwinkel herum.
Sie war noch schöner als ich sie in Erinnerung gehabt hatte, aber ihre Augen, die früher voller Wärme und Leben gewesen waren, wirkten nun stumpf und füllten sich mit Tränen - jedoch nicht vor Freude, wie ich erwartet hatte...
Ihr Gesicht war leichenblass und sie sah aus, als stünde sie kurz vor einer Ohnmacht. Ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich ruckartig von mir ab und rannte, eine Hand fest vor den Mund gepresst, in Richtung Treppe davon.
Ich warf Oberwelt-Melina einen fragenden Blick zu, doch sie schien genauso unter Schock zu stehen wie ihr Pendant. Als sie bemerkte, dass ich sie ansah, schüttelte sie in einer Geste der Überforderung den Kopf und schlang sich schützend die Arme um den Torso, was sie wie ein verängstigtes Kind wirken ließ.
Bei diesem Anblick zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen und ich streckte eine Hand nach ihr aus, um ihr beruhigend über den Oberarm zu streichen, aber sie wich vor mir zurück wie vor glühendem Eisen. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch schnell wieder, da mir nichts Passendes einfallen wollte.
Außerdem war der Drang, Unterwelt-Melina hinterher zu laufen, genauso groß wie mein Bedürfnis, ihrem Oberweltgegenstück Trost zu spenden.
Da Letzteres offenbar im Moment nicht erwünscht war, wandte ich mich wortlos ab und hastete mit langen Schritten meiner Jugendliebe hinterher.
Kurz vor der Treppe holte ich sie ein und legte ihr von hinten eine Hand auf die Schulter, um sie zu stoppen. Bei der Berührung spannte sich ihr gesamter Körper an und sie ließ resigniert wirkend den Kopf hängen, was mich verwirrt die Stirn in Falten legen ließ.
Wieso wirkten beide Frauen, als wären sie alles andere als erfreut, mich zu sehen?
Sicher, meine plötzliche Wiederauferstehung war vermutlich ein Schock für sie gewesen, aber Unterwelt-Melina machte nicht nur einen erschrockenen Eindruck. Sie wirkte, als wünschte sie sich ganz weit weg an einen anderen Ort.
Nahm sie mir übel, dass ich sie damals verlassen hatte?
Oder war sie aus einem anderen Grund wütend auf mich?
Die Erinnerung an den Kuss, den Oberwelt-Melina und ich auf Burg Drachenfels geteilt hatten, tauchte aus den Tiefen meines Unterbewusstseins auf und ein schlechtes Gewissen brannte heiß in meiner Brust, auch wenn ich mich trotzdem nicht dazu bringen konnte, diesen kurzen Moment der Intimität zu bereuen.
Machte mich dies zu einem schlechten Menschen?
Die Gedanken in meinem Kopf waren derart laut, dass ich Unterwelt-Melinas leises Flüstern beinahe überhört hätte: "Ich wusste es nicht..."
"Was meinst du?" Die Hand weiterhin auf ihrer Schulter, bewegte ich mich um sie herum und legte ihr anderen Zeigefinger unters Kinn, um sie mit sanfter Gewalt zu zwingen, mich anzusehen.
Ihre haselnussbraunen Augen wirkten unendlich traurig und schwammen noch immer in Tränen, was mir die Kehle zuschnürte. Ich hasste es, sie traurig zu sehen... Damit hatte ich noch nie gut umgehen können.
Ohne darüber nachzudenken, was ich tat, ließ ich meine Hand über ihren Kieferknochen und anschließend nach oben wandern, bis ich ihre Wange umschloss. Als ich ihr mit dem Daumen zart übers Jochbein strich, um eine Träne wegzuwischen, erwiderte sie zum ersten Mal meinen Blick und legte ihre Hand auf meine.
Ich starrte wie gebannt auf ihre Lippen und erinnerte mich an das Gefühl, sie auf meinen zu spüren, während Melina die Lider senkte und ihr Gesicht gegen meine Handinnenfläche schmiegte.
Ich hatte sie so sehr vermisst... Wie sehr, das wurde mir erst in diesem Moment wirklich bewusst. Doch gleichzeitig schoss mir ein stechender Schmerz wie von einer heißen Nadel durchs Herz, als ich daran dachte, was Oberwelt-Melina bei unserem momentanen Anblick wohl empfinden mochte.
Während eine Hälfte von mir sich am liebsten herab gebeugt hätte, um die Frau in meinen Armen zu küssen, und trunken vor Wiedersehensfreude war, wollte der andere Teil sich abwenden und sich an die Seite der ehemaligen Prinzessin begeben.
Wenn ich mich nicht so sehr über mein Gefühlschaos geärgert hätte, wäre ich fasziniert davon gewesen, dass sich etwas so richtig und gleichzeitig vollkommen falsch anfühlen konnte...
"Es tut mir so leid, Ark!", platzte Unterwelt-Melina in meine Gedanken. Ihre Unterlippe zitterte und ich sah ihren Kehlkopf auf und ab hüpfen, als sie schwer schluckte. "Der Weise hat mich zur Oberwelt geschickt und gesagt, wenn ich diesen einen Auftrag für ihn ausführe, dann könntest du endlich nach Hause kommen."
Sie warf sich gegen meine Brust und lehnte ihre Stirn gegen mein Schlüsselbein. Meine Arme schlossen wie von selbst um ihren Oberkörper und ich vergrub mein Gesicht in ihrem weichen, duftenden Haar.
Für einen Moment war es, als wäre ich in der Zeit zurückgekehrt und wir wären zurück in Krysta, umgeben vom Kristallnebel.
In einer einfacheren Zeit, wo es immer nur uns beide gegeben und ich nie den geringsten Zweifel gehabt hatte, dass dies für immer so bleiben würde...
Doch dann sprach Melina weiter und holte mich zurück in die Realität: "Du hast mir so entsetzlich gefehlt! Ich war bereit, alles dafür zu tun, dich wiedersehen zu können - sogar... Aber... Aber ich wusste nicht..."
Ihre Stimme brach und ihr Körper wurde von heftigem Schluchzen durchgerüttelt. Ich strich ihr beruhigend über den Rücken, während sie sich an mich klammerte wie eine Ertrinkende.
"Du hast mir ebenfalls gefehlt", versicherte ich und hauchte ihr einen Kuss auf den Scheitel, was den Teil von mir, der Oberwelt-Melina zugetan war, wütend protestieren ließ.
Unterwelt-Melina hob ihren Kopf und sah mich aus glänzenden Augen mit einer Mischung aus Freude und Entsetzen an. Ich ließ eine Hand zu ihrem Hinterkopf wandern und beugte mich zu ihr herab, woraufhin sie in Erwartung eines Kusses die Lippen leicht öffnete. Doch statt auf den Mund küsste ich sie lediglich auf die Stirn, was sie mit einem verwirrten Blick quittierte.
Bevor sie etwas dazu sagen konnte, tauchte jedoch Fluffy wie aus dem Nichts auf und fuhr sie zornig an: "Worauf wartest du?! Töte ihn endlich! Nur deswegen wurdest du in die Oberwelt geschickt!"
Die Bedeutung dieser Worte sickerte nur langsam in mein Bewusstsein, da ich mein Geist mit der Frage beschäftigt war, wie es möglich war, dass Fluffy hier war. Seine Truhe musste gemeinsam mit meiner Leiche noch immer am Südpol im Schnee liegen...
Doch als ich endlich begriff, versteifte sich mein gesamter Körper und ich starrte Melina aus schockgeweiteten Augen ungläubig an: "D-Du bist hier, um mich zu töten?"
Ich ließ meine Arme schlaff an meinen Seiten herabhängen und wich einen Schritt von meiner ehemaligen Freundin zurück. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass ihr Pendant uns aufmerksam, aber unendlich verwirrt beobachtete.
Derweil sah Unterwelt-Melina mich derart verletzt an, als hätte ich sie geschlagen, und beteuerte: "Ich habe es nicht gewusst! Der Weise hat lediglich von einem Kind der Oberwelt gesprochen. Ich könnte dir niemals etwas antun!"
"Aber du warst bereit, ein unschuldiges Kind zu töten?!" Ich wich einen weiteren Schritt zurück und schüttelte immer wieder den Kopf, als müsste ich betonen, dass ich mich von ihrem Vorhaben distanzierte.
Melina stürzte auf die Knie und weinte bitterlich, doch anders als zuvor löste es dieses Mal in mir nicht das Bedürfnis aus, sie zu trösten. In diesem Moment empfand ich nichts anderes als Entsetzen und eine Spur Ekel.
Wie hatte sie auch nur für einen Moment glauben können, dass es für mich in Ordnung wäre, einem Kind das Leben zu nehmen, um mir zu helfen?!
Ich hatte plötzlich das Gefühl, das Mädchen, in das ich mich verliebt hatte, als es mich stolz angegrinst hatte, um mir seine erste Zahnlücke zu präsentieren, überhaupt nicht zu kennen...
Während ich mich fragte, ob ich Jahre lang eine Person geliebt hatte, die es überhaupt nicht gab, schluchzte die auf dem Boden kauernde Frau: "Ich weiß, dass es falsch war! Aber der Weise hat gesagt, du seist in Gefahr und dies sei der einzige Weg, dich zu retten! Ich... Ich wollte doch nur..."
"Aber ein Kind, Melina... Wie konntest du...?" Ich schüttelte erneut den Kopf, noch immer unfähig zu begreifen, wie sie eine derart abscheuliche Tat auch nur in Betracht hatte ziehen können.
Fluffy, der von unserem emotionalen Tumult vollkommen unbeeindruckt zu sein schien, stieß ein genervtes Schnauben aus und verkündete: "Fein, dann mach ich's eben selbst!"
Bevor ich in irgendeiner Weise reagieren konnte, wirkte mein Begleiter einen Paralysezauber und ich verlor die Kontrolle über meinen Körper. Kurz darauf tat sich ein tiefschwarzes Loch zu meinen Füßen auf, das langsam näher kam und drohte, mich zu verschlingen.
Mit heftig schlagendem Herzen versuchte ich verzweifelt, mich von der Stelle zu bewegen, aber es war aussichtslos - ich schaffte es nicht einmal, auch nur einen Finger zu rühren.
Als Melina den magisch erschaffenen Abgrund vor mir erblickte, wich auch noch das letzte Bisschen Farbe aus ihrem Gesicht, bevor sich zu meiner Überraschung ein entschlossener Ausdruck darauf breit machte. Ohne das geringste Zögern richtete sie sich wieder auf, trat neben mich und küsste mich auf die Lippen.
Anschließend sah sie mir fest in die Augen und sagte mit feierlichem Ernst: "Ich liebe dich, Ark. Ich habe immer gehofft, dass du irgendwann zu mir zurückkommst und wir unseren Lebensabend miteinander verbringen können. Dafür hätte ich alles getan und geopfert, aber jetzt musst du mir versprechen, dass du dein Leben ohne Reue weiterleben wirst. Blick nicht zurück! Hass mich für das, was ich vorhatte, wenn es dir dabei hilft, nur nach vorn zu schauen. Werde glücklich und denk nicht zu viel an mich!"
Dann schnappte sie sich mit einer schnellen Bewegung Fluffy, der einen empörten Laut ausstieß, sich aber nicht aus ihrem Griff befreien konnte, und sprang in das schwarze Loch hinab. Dieses schloss sich daraufhin mit einem leisen Zischen, was auch die Wirkung des Paralysezaubers schlagartig beendete.
"MELINA! Nein! Nein! Nein! Komm zurück!" Ich stürzte an der Stelle, wo meine ehemalige Freundin von der Erde verschluckt worden war, auf alle Viere und schrie ihr trotz der Gewissheit, dass sie mich nicht hören konnte, verzweifelt hinterher, bis mir die Lungen brannten.
Sie war fort, für immer fort und auch wenn ich in ihren letzten Momenten nicht nur Positives für sie empfunden hatte, war es nun, als müsste ich an den scharfkantigen Splittern meines gebrochenen Herzens ersticken. Ich konnte weder atmen, noch klar denken und bohrte meine Hände verzweifelt in den harten Lehmboden, obwohl ich genau wusste, dass ich sie nicht ausgraben konnte.
Nach einer Weile näherten sich mir langsame, vorsichtige Schritte und kurz darauf spürte ich eine warme Hand auf meinem Rücken.
"Was geht hier vor, Ark?" Die Stimme der ehemaligen Prinzessin zitterte und ich hörte deutlich, dass sie hin und her gerissen war zwischen ihrer Verwirrung und dem Bedürfnis, mich zu trösten.
Ich ließ mich auf meinen Hintern fallen, schloss für einen Moment die Augen und holte mehrfach tief Luft, in der Hoffnung, meinen vibrierenden Atem dadurch beruhigen zu können. Oberwelt-Melina kauerte sich in meinem Rücken auf den Boden und schlang ihre Arme von hinten um meine Brust. Ihre Wärme war wie Balsam und ich legte dankbar eine Hand auf ihre, während ich noch immer um Fassung rang.
Sie wandte derweil den Kopf, legte ihre Wange zwischen meine Schulterblätter und flüsterte dann: "Ich verstehe das alles nicht... Erst finde ich ein ausgesetztes Kind im Wald und nehme es mit nach Hause, um mich um es zu kümmern. Doch dann verschwindet der Säugling auf einmal aus seinem Bett, während ich in der Küche Milch für ihn hole. Dafür steht plötzlich die Kellertür weit offen, obwohl ich sie stets fest verschlossen halte. Unten finde ich das Kind in den Armen einer Frau, die genauso aussieht wie ich und dann leuchtet das Baby auf einmal golden und kurz darauf stehst du in meinem Keller und das Kind ist fort..."
Ich spürte, wie sie den Kopf schüttelte bei dem Versuch, ihre sich in Aufruhr befindenden Gedanken zu sortieren, bevor sie weitersprach: "Und als wäre das alles noch nicht verrückt genug, taucht auf einmal auch noch dieses Ding auf und meine Doppelgängerin wird gemeinsam mit ihm vom Erdboden verschluckt..."
Melina stieß einen langgezogenen Seufzer aus und schmiegte sich noch enger an meinen Rücken. "Du scheinst diese Frau gut gekannt zu haben. Wer war sie?"
Ich wischte mir mit der Innenfläche der freien Hand ein paar verbliebene Tränen von den Wangen und zog geräuschvoll die Nase hoch, bevor ich leise antwortete: "Meine Jugendliebe. Wir sind zusammen aufgewachsen und ich dachte immer, sie sei die Frau, mit der ich alt werden würde - zumindest bis der Älteste meines Dorfes mir einen Auftrag gegeben hat, für den ich meine Heimat verlassen musste. Seitdem hatte ich sie nicht mehr gesehen."
"Oh, ich erinnere mich! Du hast sie damals auf dem Schiff von Ahola nach Liberita erwähnt." Man hörte Melina deutlich an, wie stolz sie auf sich war, dass sie dieses Detail unserer damaligen Unterhaltung nicht vergessen hatte.
Ich nickte, als ich mich ebenfalls an besagten Abend erinnerte und darüber wunderte, wie weit weg er mir erschien. Auch bei objektiver Betrachtung waren seitdem viele Jahre vergangen, aber es war seitdem so viel passiert, dass es sich eher so anfühlte, als hätte dieses Gespräch in einem anderen Leben stattgefunden.
Melina ließ meinen Oberkörper los und rutschte neben mich, um mir ins Gesicht sehen zu können, als sie fragte: "Sie war der Grund, warum du mich damals nicht küssen wolltest, nicht wahr?"
In ihren Augen flackerte etwas, das Gefahr verhieß, und sie schürzte angriffslustig die Lippen. Dennoch antwortete ich wahrheitsgemäß: "Ja, das ist richtig."
"Aber auf Burg Drachenfels hast du es dann doch getan. Warum? Sie scheint dir ja selbst heute noch viel zu bedeuten!" Ihre Nasenflügel bebten leicht und der Zorn in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Auch wenn sie es in diesem Moment vermutlich niemals zugegeben hätte, war es überdeutlich, dass meine noch immer bestehenden Gefühle für meine Jugendliebe sie tief verletzten.
Ein tiefes Seufzen entwich aus den Tiefen meiner Brust und ich griff nach ihrer Hand, die sie mir nur widerwillig überließ, bevor ich erklärte: "Ich dachte, ich sehe sie nie wieder..."
Eigentlich hätte meine Antwort länger ausfallen sollen, aber Melina entriss mir mit zornig flackernden Augen ihre Hand, verschränkte die Arme vor der Brust und fiel mir empört ins Wort: "Also war ich für dich nur ein Ersatz?! Eine Art Trostpreis, der dem Original, das du eigentlich wolltest, aber nicht haben konntest, am nächsten kam?!"
"Nein! ... ja... Himmel, ich weiß es doch selbst nicht!" Ich warf genervt die Arme in die Luft und schüttelte den Kopf. "Dich kennenzulernen, hat mich mehr verwirrt als alles andere in meinem Leben! Bitte glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich definitiv etwas für dich empfinde - für dich als Person, nicht als Doppelgängerin meiner Freundin, auch wenn es so vielleicht angefangen hat. Aber müssen wir wirklich jetzt darüber sprechen? Ich habe gerade erst mitansehen müssen, wie sich jemand, der mir viel bedeutet, für mich geopfert hat... Ich kann gerade an nichts anderes denken, tut mir leid."
Für einen Moment sah Melina aus, als wollte sie schnippisch reagieren, doch dann wurden ihre Gesichtszüge weich und sie antwortete: "Du hast recht, das war unsensibel von mir. Bitte entschuldige. Es ist nur... Du bedeutest mir wirklich sehr viel und dieser Kuss hat mich glauben lassen, du würdest meine Gefühle erwidern. Ich hoffe seitdem darauf, eine gemeinsame Zukunft mit dir haben zu können, sobald wir beide unsere Aufgaben erfüllt haben."
Sie strich sich eine Strähne ihres langen Haares aus dem Gesicht und seufzte schwer. "Aber ich akzeptiere es, wenn ich mich da in etwas verrannt habe und du diesem Kuss nicht dieselbe Bedeutung beimisst wie ich. Nimm dir Zeit, um herauszufinden, was du fühlst und was ich für dich bin. Ich werde warten."
"Danke." Ich schenkte ihr ein mattes Lächeln und nahm erneut ihre Hand in meine, um unsere Finger ineinander zu verschränken, bevor wir in Schweigen fielen und unseren Gedanken nachhingen.
Vor meinem geistigen Auge sah ich immer wieder und wieder, wie Unterwelt-Melina von dem schwarzen Loch verschlungen wurde und fragte mich, ob es vielleicht doch noch eine geringe Chance gab, dass sie überlebt haben könnte.
Nein.
Fluffy hatte diesen Abgrund mit dem dedizierten Ziel, mich zu töten, erschaffen und wie ich ihn kannte, war er dabei auf Nummer Sicher gegangen.
Es gab nicht die geringste Wahrscheinlichkeit, dass Melina dies überlebt haben könnte, und das wusste ich auch sehr genau. Der einzige Grund, warum ich den schwachen Funken Hoffnung in meinem Herzen nicht gänzlich ersticken konnte, war mein schlechtes Gewissen.
Sie war gestorben, um mich zu retten! Wenn sie durch ein Wunder überlebt hätte, müsste ich diese Bürde nicht tragen...
War es wenigstens schnell gegangen oder war ihr Ende lang und qualvoll gewesen?
Übelkeit stieg in mir auf, während ich mir in düstersten Farben ausmalte, was meine ehemalige Freundin womöglich in Fluffys Abgrund erwartet hatte.
Mir war bewusst, dass ich nichts damit gewann, dass ich mich mit den Bildern in meinem Kopf selbst folterte, und dass es klüger gewesen wäre, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, aber ich fühlte mich, als hätte ich diese Pein verdient. Es war wie ein gerechter Preis, den ich für Melinas Opfer zahlen musste, um die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Nach einer Weile des stummen Beisammensitzens lehnte Oberwelt-Melina auf einmal ihren Kopf gegen meine Schulter und atmete schwer aus. Sie wirkte vollkommen ausgelaugt und das Feuer, das normalerweise stets in ihr brannte, war vollständig erloschen.
Ich legte meinen Kopf schief, um meine Wange gegen ihren Scheitel zu lehnen und drückte sanft ihre Hand, während ich innerlich seufzte.
Mein Herz war ein einziges Chaos...
Auf der einen Seite genoss ich Melinas Nähe und fühlte mich, als hätte ich meinen Platz auf der Welt gefunden, aber gleichzeitig kam ich mir deswegen vor wie ein mieser, dreckiger Verräter.
Doch nun war nicht der richtige Zeitpunkt, um mich mit meinem verkorksten Liebesleben zu beschäftigen!
Jetzt, wo der Schock über meine Wiederauferstehung und die darauffolgenden Ereignisse allmählich abebben, wurde mir bewusst, dass ich aus einem bestimmten Grund wiedergeboren worden war: Ich musste Beruga aufhalten!
Also wandte ich den Kopf, um Melina ins Gesicht zu sehen, wenn ich sie darüber informierte, dass ich aufbrechen musste. Stattdessen fiel mein Blick jedoch auf einen kleinen, würfelförmigen Gegenstand, der am gegenüberliegenden Ende des Kellers auf einem Podest stand und mir noch gar nicht aufgefallen war.
Die bemalten Seiten der hölzernen Truhe strahlten in kräftigen Farben, was in dem dunklen Gewölbe ein wenig deplatziert wirkte. Entscheidender war jedoch, dass die Box mir sehr gut vertraut zu sein schien...
Wie magisch angezogen stemmte ich mich auf die Füße und ging langsam auf das Podest zu.
"Was ist das?", fragte ich über die Schulter hinweg, ohne meinen Blick von dem Holzkästchen zu nehmen.
Melina trat neben mich und antwortete: "Der Schatz dieses Dorfes und der Grund, warum König Olaf meine Eltern und die anderen Dorfbewohner hat umbringen lassen und mich adoptiert hat, in der Hoffnung, ich würde ihm irgendwann alles verraten, was ich darüber weiß."
Sie presste ihre Lippen fest aufeinander und schien für einen Moment in ihren Erinnerungen gefangen zu sein. Dann fuhr sie fort: "Kolumbo hat den Schatz auf einer Expedition zum Südpol gefunden. Anfangs hielt er ihn lediglich für ein historisches Artefakt, doch nachdem er seine wahre Bedeutung erkannt hatte, bat er meinen Vater, mit dem er gut befreundet war, die Truhe zu verstecken. Kurz darauf wurde er in Spanien gefangen genommen und nach Schloss Torronia verschleppt, so wie ich gehört habe."
Ich nickte und streckte eine Hand nach der Box aus, doch Melina schlug meinen Arm beiseite und rief: "Nicht! In der Truhe ruhen die Waffen des wahren Helden! Niemand sonst darf sie berühren - dafür ist mein ganzes Dorf gestorben und ich werde auch für dich keine Ausnahme machen!"
Ihre Augen loderten zornig und hatten ein wenig ihres üblichen Feuers zurückgewonnen, als ich ihr mein Gesicht zuwandte und erklärte: "Ich weiß, was sich in dem Kasten befindet. Die Terralanze und der Enigmapanzer. Kolumbo hat beides am Heldengrab gefunden - an... an meinem Grab."
Es fühlte sich merkwürdig an, dies so zu formulieren, aber es stimmte. Seit meiner Wiedergeburt war ich zu gleichen Teilen Ober- und Unterwelt-Ark und damit war die Grabstätte in der Antarktis meine, auch wenn die Erinnerungen meiner Lichtseite verschwommen und schwer greifbar waren.
Ich fragte mich, ob dies damit zusammenhing, dass mein Oberwelt-Ich vor unserer Vereinigung bereits seit vielen Jahren tot gewesen war und die Verbindung zu seinem vorherigen Leben bereits beinah vollständig verloren hatte.
Melina starrte mich unterdessen aus geweiteten Augen überrascht an. "D-Du bist der legendäre Held?! Und ich habe mir solche Mühe gegeben, dich aus der Sache herauszuhalten..." Sie stieß angesichts der Ironie des Schicksals ein leicht hysterisches Lachen aus und auch ich konnte mir ein schiefes Grinsen nicht verkneifen.
"Mach dir nichts draus", tröstete ich sie mit sanfter Stimme. "Bis vor kurzem war mir dies selbst nicht bewusst."
Dann griff ich erneut nach der Truhe und dieses Mal ließ Melina mich gewähren. Der Deckel der kleinen Holzbox öffnete sich wie von selbst, kaum dass ich ihn berührt hatte, und aus dem Inneren schoss eine geflügelte, rosafarbene Kugel mit schwarzen Knopfaugen hervor. Melina wich bei ihrem Anblick einen Schritt zurück und stieß einen spitzen Schrei aus: "Eeek! Da ist wieder dieses Ding!"
Ich ignorierte sie für den Moment und wandte mich stattdessen an die vor mir in der Luft flatternde Knutschkugel: "Du bist der Fluffy der Oberwelt, nehme ich an."
Melina wunderte sich hörbar über den Gebrauch des Begriffes 'Oberwelt', während Fluffy antwortete: "Das ist vollkommen richtig. Und du bist der wahre Held. Ich bin so froh, dass du endlich angekommen bist!"
"Er hat wirklich alles kopiert...", murrte ich flüsternd und schüttelte mit einer Mischung aus Ekel und Faszination den Kopf, bevor ich Melinas verwirrtem Blick begegnete. "Ich erklär's dir irgendwann", versprach ich und wandte mich dann wieder der Truhe zu, um die darin gelagerten Schätze hervorzuholen.
Wenige Augenblicke später hielt ich eine wunderschöne aus Ebenholz gefertigte Lanze in den Händen. Ihr Schaft war mit verschnörkelten und in sich verschlungenen, rubinroten Intarsien und wie dunkles Blut schimmernden Halbedelsteinen verziert. Trotz ihres Alters war die silberne Spitze noch immer blitzblank und rasiermesserscharf.
Eine wahrlich tödliche Waffe...
Nachdem ich das prachtvolle Stück ausgiebig bewundert hatte, zog ich einen ebenso prunkvollen Brustpanzer aus rot eingefärbtem Stahl aus der Box. Dazu gehörte ein nachtschwarzes, gestepptes Untergewand, das sich kühl und weich auf der Haut anfühlte.
Mit nur einem Blick erkannte ich die Rüstung als jene, die meine Lichthälfte getragen hatte, als sie mir am Heldengrab erschienen war.
Ohne zu zögern legte ich Hemd und Panzer an, die beide passten, als wären sie mir auf den Leib geschneidert worden.
Als ich mich anschließend zu Melina umdrehte, sah sie mich mit einem bewundernden Ausdruck im Gesicht an. "Der Enigmapanzer steht dir ausgezeichnet. Damit siehst du wirklich aus wie der Held der Legende."
Ich verzog die Lippen zu einem einseitigen Lächel und fasste meine neue Lanze fester. "Dann wird es Zeit, dass ich meinem Titel und dieser traumhaften Ausrüstung endlich gerecht werde."
Melina nickte zustimmend, doch als ich an ihr vorbei ging, packte sie plötzlich mein Handgelenk und hielt mich zurück. "Versprich mir, dass du zu mir zurückkommen wirst! Danach kannst du deiner Wege ziehen, wenn du willst, aber ich muss wissen, dass du deinen Auftrag wohlbehalten überstanden hast! Bitte!" Ihre Stimme klang derart flehentlich, dass sich ein Kloß in meiner Kehle bildete.
Ich legte ihr meine freie Hand auf die Wange und küsste sie sanft auf die Stirn. "Versprochen. Ich komme zu dir zurück, sobald ich kann und dann... sehen wir weiter."
Sie schlang ihre Arme um mich und drückte mich für einen kurzen Moment fest an sich, bevor sie wieder zurücktrat und mit Tränen in den Augen sagte: "Dann viel Erfolg. Nimm dir aus der Küche alles an Vorräten, das du gebrauchen kannst."
"Danke." Mit Wehmut im Herzen nickte ich ihr ein letztes Mal zu und verließ dann das Haus, nachdem ich ihrem Angebot nachgekommen war und mich mit Essen eingedeckt hatte.
Draußen überlegte ich gerade, welche Route am klügsten war, als ein kleiner Vogel auf meiner Schulter landete. Überrascht wandte ich den Kopf und entdeckte einen Streifen Papier, den jemand an sein Bein gebunden hatte. Das Federtier wartete geduldig, bis ich ihn von dem Brief befreit hatte und flog dann fröhlich zwitschernd wieder davon.
Dies bekam ich jedoch nur noch am Rande mit, weil ich das Papier in meiner Hand bereits auseinander gefaltet und zu lesen begonnen hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ich die wenigen Zeilen, die Ma-Jo mir hatte zukommen lassen, überflogen hatte.
Offenbar hatte er sich mit Fyda, Roy, Perry und Mei-Lin zusammengetan, um Beruga das Handwerk zu legen und wartete nun gemeinsam mit ihnen an dessen Laborturm darauf, dass ich zu ihnen stieß.
Die Kiefer hart aufeinander gepresst, knüllte ich den Brief zusammen und hastete so schnell meine Füße mich trugen in den vor mir liegenden Norfesta-Wald.
Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren.
Meine Freunde brauchten mich!