Tanea setzte sich an den Frühstückstisch zu den übrigen Gästen. Sie hatte sich mit der Anzahl der Personen im Raum vertan, es waren weit mehr als nur zwei Personen in der Küche. Höflich begrüßte sie einen älteren, etwas dicklicheren Herren, von dem sie annahm, dass es der Landwirt war und sagte ihm ihren Dank für die Übernachtung und die Köstlichkeiten, die am Tisch standen. Ihre noch etwas feuchten Kleider klebten an ihrem Körper, sie hätte ein Feuer machen und die Kleider trocknen sollen, doch die gestrige Nacht hatte sie sehr verwirrt. Als Luto ebenfalls den Raum betrat und sich setzte, blickte sie ihn an. Er wirkte unbeholfen, wie ein schüchterner Schuljunge an seinem ersten Schultag in einer fremden Klasse.
Was er wohl denken mag? Wenigstens nimmt er die letzte Nacht nicht so auf die leichte Schulter wie ihre gemeinsame Nacht vor einigen Jahren. Es scheint ihn wirklich zu beschäftigen. Oder war er einfach nur ein guter Schauspieler? Die Schweißperlen, die ihm auf der Stirn stehen, wirken jedoch echt. Ich muss ihn im Auge behalten, Leute wie er sind Sand zwischen den Fingern.
Auf einmal wurde sie von Malon angesprochen, geistesabwesend antwortete sie, war jedoch in Gedanken immer noch bei Luto. Sie wurde von Malon in einen kleinen Waschraum gezerrt, gemeinsam mit einer weiteren Gerudo. Erst jetzt fiel ihr auf, dass noch eine zweite Gerudo am Frühstückstisch saß. Nicht ungewöhnlich für diesen Teil des Landes, vielleicht ein Zufall? Das konnte niemand wissen. Seit die Welt sich weiterbewegt hat, nachdem Ganon besiegt wurde, nahm das Schicksal seltsame Wendungen und spielte nach eigenen Regeln.
Ehe sie es sich versah, stand sie der anderen Gerudo schon nackt gegenüber. Es schien sie mehr zu stören, entblößt vor einem anderen Menschen zu stehen, als Tanea. Es ist mir immer eine Freude so weit weg von zu Hause eine Gerudo zu sehen. Mein Name ist Tanea, ich wünsche euch lange Tage und angenehme Nächte. Sie streckte der Frau, die kaum älter zu sein schien, als sie selbst, die Hand hin. Die andere Gerudo, welche mit beiden Händen ihre Scham bedeckte, nahm vorsichtig mit der rechten Hand, die ihre Brüste bedeckte, Taneas Hand, zog sie aber im selben Augenblick wieder zurück. Ich heiße Lucinda sagte die Gerudo knapp. Sie war wohl nicht sehr gesprächig. Sie war nicht Teil von Taneas Geschäft hier in Hyrule, darum wollte sie Lucinda nicht weiter mit Fragen durchlöchern. Sie würde ihre Gründe haben, hier zu sein, so wie sie ihre Gründe hatte, die sie nicht jedem auf die Nase binden wollte.
Malon kehrte zurück mit zwei schneeweißen Kleidern und reichte sie den Beiden. Hier, nehmt diese Kleider. Sie gehören mir, doch wenn ich euch beide so anschaue, werden sie euch wohl passen. Jedoch werden sie an einigen Stellen wohl etwas zu weit sein. Während sie das sagte, wanderte ihr Blick über die schmale Hüfte der beiden Gerudos. Malon war bestimmt keine feiste Bäuerin, dennoch hatte sie weiblichere Rundungen, als die beiden Gerudos.
Tanea zog das Kleid über, der Stoff fühlte sich schön auf ihrer Haut an, und gab die noch feuchten Kleider an Malon, welche diese sogleich auf einer Wäscheleine aufhängte. Behaltet die Kleider, bis die Euren getrocknet sind. sagte sie und wandte sich um, während sie den Gerudos deutete, ihr zu folgen. Das Kleid fühlte sich gut an und roch nach Rosen und Veilchen. Es war ein schöner Duft, auch, wenn Tanea ihn etwas zu abgedroschen und intensiv empfand. Sie hätte den Geruch der Wüstenlilie bevorzugt.
Als sie wieder in die Küche zurückkamen, staunten die Anwesenden nicht schlecht. Sie mussten einen wahrlich schönen Anblick bieten, denn selbst Luto stand der Mund offen und das war nicht gespielt, soviel konnte Tanea aus seinem Blick herauslesen. Ihm fiel fast die Gabel aus der Hand. Sie blickte an sich herab, war sie wirklich so schön anzusehen? Es war wohl das erste Mal, dass sie ein derartiges Kleid trug. Das Kleid war nicht unbequem aber auf Grund der vielen Rüschen und weil es zu weit war weder für den Kampf noch für die Flucht geeignet. Sie entschloss sich aber, es anstandshalber ein wenig zu tragen, zumindest, bis ihre Kleidung halbwegs trocken war.
Auf einmal stand Luto auf und verließ stolpernd den Raum. Was führt er nun wieder im Schild. Ich werde ihm wohl einmal nachgehen. Doch bevor sie aufstehen konnte, war Malon ihm schon gefolgt und Tanea blieb sitzen. Sie aß zögerlich weiter, war aber nicht in der Lage, das köstliche Frühstück zu genießen, sie musste immer an Luto denken. Plötzlich kam Malon zurück ins Zimmer und teilte ihnen mit, dass Luto wie vom Erdboden verschluckt war. Warum wundert mich das nicht?
Hastig eilte Tanea in den Waschraum. Sie musste sich ihre Kleidung wieder anziehen, mit diesem Kleid war sie in ihrer Bewegung viel zu eingeschränkt. Schnell war sie umgezogen und hastete in ihr Zimmer. Dort holte sie noch ihren Dolch, den sie in die dafür vorgesehene Halterung steckte, wo er verborgen war. Sie eilte nach unten, wo die übrigen Leute schon fieberhaft nach ihm suchten. Es gibt nur einen Ausgang dachte Tanea und eilte zur steinernen Treppe, über die sie einen Tag zuvor nach oben gegangen war, bevor es zu regnen begann. Sie konnte gerade noch sehen, wie Luto auf seinem Pferd sitzend versuchte, durch den morastigen Boden zu entkommen. Was hatte dieser Sohn eines Gibdos nur vor? Sie hastete ihm leichten Schrittes nach, machte immer wieder trockenere Stellen am Boden aus, wo sie nicht versank und konnte Luto schnell einholen. Sie griff nach ihrem Dolch, bereit, ihn einzusetzen, wenn sie musste und sprang mit einem Satz nach vorn, gleich würde sie Luto erreicht haben. So schnell würde er ihr nicht entkommen. Dieses Mal nicht.