Aus einem recht undefinierbaren Grund bin ich aktuell etwas in eine Parasite Eve Fanschiene gerutscht.
Und je tiefer ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, wie interessant dieses ganze Franchise eigentlich ist.
Da dieser Post auch mein 2000ster Beitrag hier im Forum ist, dachte ich mir, ich nutze die Gelegenheit mal für etwas, worüber ich schon länger schreiben wollte.
Schon lange wollte ich mich dem ganzen mal ausführlicher widmen und vor allem das 1995 erschienene Novel von Hideaki Sena lesen, von welchem die Spiele ursprünglich inspiriert wurden.
Hier also ein etwas längerer Post zu dem Thema, nachdem ich mich jetzt eine Weile wieder intensiver damit beschäftigt habe.
Es geht um die Ursprünge von Parasite Eve – und auch darum, warum ich glaube, dass ein Remastered des ersten Spiels heute sehr gut funktionieren könnte.
Das Novel von Hideaki Sena (1995)
Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich mich also endlich dem Ganzen gewidmet und mir das E-Book bei Thalia geholt.
Interessanterweise wurde Parasite Eve erst 2005 zum ersten Mal ins Englische übersetzt, obwohl das Original bereits 1995 in Japan veröffentlicht wurde.
Zu dem Buch gilt an erster Stelle zu sagen, dass es in physischer Form in der übersetzten Version scheinbar kaum noch zu bekommen ist. Die Preise von Leuten, die davon im Besitz sind, drehen sich um 500€ aufwärts, teilweise fand ich auch Exemplare um die 700–800€ auf Ebay.
Das dürfte vermutlich an einer Kombination aus kleinen Druckauflagen und fehlenden Reprints liegen. Eine klare Quelle dazu konnte ich allerdings nicht finden, weshalb das eher eine plausible Annahme ist.
Warum es für mich überraschend ist, dass das Werk so spät übersetzt wurde?
Hideaki Sena hat mit Parasite Eve in den 90ern eine ziemlich starke Welle ausgelöst. Das Buch gewann damals sogar den Japan Horror Novel Award, was dem Werk in Japan eine ziemlich große Aufmerksamkeit verschafft hat.
Sein Name hat sich in der japanischen Literaturwelt durchaus etabliert – umso mehr wundert es mich, dass man im Westen kaum übersetzte Werke von ihm findet.
Gerade aktuell, wo unglaublich viele japanische Bücher übersetzt werden und ständig neue Namen im Westen auftauchen, finde ich es überraschend, dass Sena selbst heute noch relativ wenig Aufmerksamkeit außerhalb Japans bekommt.
Wer meint, dass das Genre generell nicht gefragt ist, der sollte sich mal bei Thalia oder anderen Buchhandlungen umsehen. Gerade aktuell liegen dort reihenweise Body-Horror Titel aus dem asiatischen Raum, besonders aus Korea, die regelrecht am Fließband übersetzt werden.
Ein interessanter Funfact am Rande:
Das Spiel Parasite Eve konnte damals überhaupt nur entstehen, weil Square sich die Rechte am Roman gesichert hat. Die Spiele basieren also tatsächlich auf einer lizenzierten Literaturvorlage – was später auch einer der Gründe wurde, warum die Serie komplizierter weitergeführt wurde.
Meine Erfahrung mit der englischen Übersetzung
Das Buch stand schon lange auf meiner Bucket List.
Mein Japanisch reicht allerdings bei weitem nicht aus, um mich einem so komplexen Novel wirklich im Original zu widmen. Daher hatte ich lange gehofft, dass irgendwann vielleicht eine neue oder bessere Übersetzung erscheinen würde.
2016 erschien dann zumindest eine digitale Neuauflage als E-Book, wodurch es zumindest wieder relativ einfach zugänglich wurde.
Leider muss ich sagen, dass ich die Übersetzung persönlich wirklich schwierig fand.
Teilweise wirkt der Text holprig, einige Passagen erscheinen merkwürdig formuliert und es gibt Stellen, die sich ungewöhnlich wiederholen oder schwer nachvollziehbar sind.
Nachdem ich selbst ein kleines bisschen Japanologie studiert habe, weiß ich durchaus, wie schwierig Übersetzungen aus dem Japanischen sein können – vor allem bei komplexeren literarischen Texten.
Trotzdem hatte ich beim Lesen öfter das Gefühl, dass vieles sehr mangelhaft übertragen wurde.
Ich habe mich beim Lesen mehrfach gefragt, ob ich das Konzept und die eigentliche Botschaft des Autors überhaupt vollständig so wahrnehme, wie sie ursprünglich gemeint war.
Und ehrlich gesagt bin ich mir da nicht ganz sicher.
Das Buch selbst hat rund 320 Seiten und ist aktuell als E-Book relativ leicht erhältlich.
Wer es lesen möchte, kann es für etwa 10€ bei Thalia oder ähnlichen Plattformen bekommen.
Der Film von Masayuki Ochiai (1997)
Wer sich die über 300 Seiten dieser Übersetzung nicht antun möchte, dem kann ich tatsächlich empfehlen, einfach den Film von 1997 anzusehen.
Ich möchte hier nicht zu sehr ins Detail gehen, da der Post ohnehin schon ziemlich lang wird.
Persönlich finde ich aber, dass der Film die Geschichte des Novels erstaunlich gut einfängt.
Einige Aspekte der Handlung habe ich tatsächlich erst durch den Film richtig verstanden, weil mir im Buch durch die Übersetzung an manchen Stellen Dinge unklar geblieben sind.
Und ganz ehrlich: Als jemand der alte Filme und besonders die Effekte der 90er und frühen 2000er sehr liebt, finde ich, dass sich der Film auch heute noch ziemlich gut ansehen lässt.
Gerade Fans von Body Horror, J-Horror oder natürlich Parasite Eve selbst sollten sich den Film auf jeden Fall mal ansehen.
Was ich außerdem interessant fand:
Das Thema Liebe und emotionale Verbindung tritt im Film teilweise sogar stärker hervor als im Buch - ist aber vielleicht nur meine Meinung.
Die starken Unterschiede zwischen Novel (+Film) und den Spielen [Spoilerfrei]
Sowohl das Buch als auch der Film unterscheiden sich recht deutlich von dem Spiel, das 1998 für die PlayStation erschien.
Der wichtigste Punkt dabei ist:
Das Spiel versucht nicht, die Geschichte des Romans direkt nachzuerzählen.
Stattdessen baut es eher auf der Welt und den Ideen des Buches auf und erzählt eine neue Geschichte, die zeitlich nach den Ereignissen des Novels angesiedelt ist.
Dadurch wirkt das Spiel eher wie eine Art Fortsetzung im gleichen Universum.
Die Entwickler hatten also nicht nur die Aufgabe, die Geschichte zu adaptieren, sondern auch darauf aufzubauen und das Universum weiter auszubauen.
Und ehrlich gesagt ist das eine ziemlich nachvollziehbare Entscheidung – denn die Welt und die Konzepte, die der Roman eröffnet, sind wirklich extrem faszinierend.
Gerade die biologische Grundidee dahinter ist unglaublich spannend.
Die Vorstellung einer sogenannten „Mitochondrial Eve“, also einer gemeinsamen mitochondriale Abstammungslinie aller Menschen, ist tatsächlich ein reales Konzept aus der Evolutionsbiologie.
Die mitochondriale DNA wird ausschließlich über die mütterliche Linie vererbt und unterscheidet sich genetisch tatsächlich stark von der restlichen DNA im Zellkern.
Auch wenn das Konzept im Buch natürlich stark fiktionalisiert wird, basiert es zumindest teilweise auf echten wissenschaftlichen Grundlagen.
Ich persönlich fand das immer unglaublich faszinierend – besonders als jemand, der sich generell sehr für Biologie interessiert.
Möglichkeiten warum Parasite Eve bis heute kein Re; bekommen hat
Eine Frage, die immer wieder in der Community auftaucht, ist:
Warum hat Parasite Eve bis heute eigentlich kein Remake bekommen?
Es gibt dafür mehrere mögliche Gründe.
Der wichtigste dürfte tatsächlich die Rechte-Situation rund um das Original-Novel sein.
Da die Spiele offiziell auf Hideaki Senas Buch basieren, hängen bestimmte Nutzungsrechte weiterhin mit dieser Vorlage zusammen.
Das wird auch daran sichtbar, dass der dritte Teil der Reihe – The 3rd Birthday – den Namen Parasite Eve selbst kaum noch verwendet hat.
Ein weiterer Punkt dürfte sein, dass Parasite Eve genretechnisch schwer einzuordnen ist.
Das Spiel war damals eine Mischung aus:
-
Survival Horror
-
RPG
-
Cinematic Storytelling
Gerade diese Mischung war zwar einzigartig, passt aber nicht ganz in eine klare Marketing-Schublade.
Und nicht zuletzt wurde Parasite Eve lange Zeit einfach etwas von Square Enix’ größeren Marken überschattet, vor allem Final Fantasy.
Warum ein Remastered heute besonders gut funktionieren könnte
Kommen wir zuletzt zum eigentlichen Punkt dieses Posts. Warum ich glaube, dass ein Remastered von Parasite Eve heute vielleicht sogar besser funktionieren könnte.
Die Antwort ist im Grunde relativ einfach:
Die heutigen technischen Möglichkeiten würden die Stärken des Spiels extrem gut unterstützen.
Ich bin grundsätzlich kein so großer Fan der aktuellen Remake- und Remaster-Welle. Gerade viele PS1 Spiele mit ihren Pre-Rendered Backgrounds erzeugen eine Atmosphäre, die moderne Spiele oft nicht mehr ganz einfangen können. Diese leicht surrealen Hintergründe erzeugen eine Art Eeriness, die unglaublich schwer künstlich nachzustellen ist.
Parasite Eve lebt allerdings nicht nur von diesen Hintergründen.
Ein großer Teil der Atmosphäre kam schon damals von den Cutscenes und Transformationen. Die Mutationen der Gegner, das organische Design und die Art, wie sich Körper verändern, waren bereits auf der PS1 extrem eindrucksvoll umgesetzt.
Mit heutiger Technik könnte man genau diesen Aspekt deutlich stärker ausbauen. Gerade moderne Engines könnten die Body-Horror Elemente wesentlich intensiver darstellen.
Auch die Soundkulisse wäre heute ein enormer Faktor. Wer den Film gesehen hat, merkt schnell, wie stark dort mit Geräuschen gearbeitet wird: tropfende Rohre, feuchte Räume, organische Geräusche, die an Fleisch oder Gewebe erinnern.
Diese Art von Sounddesign erzeugt ein unglaubliches Unbehagen. Mit moderner Audiotechnik und räumlichem Sounddesign könnte man diese Atmosphäre noch deutlich stärker ausbauen.
Auch wenn ich kein großer Fan der Renaissance durch Remake/Remastered Games bin - muss ich doch sagen, dass dies immer wieder durchaus gut gelungen ist. Remakes wie Resident Evil 2, Resident Evil 4 haben gezeigt, dass klassische Horror-Spiele mit moderner Technik extrem gut umsetzbar sind. Über unglaubliche Remakes wie die der FF7 Reihe brauche ich gar nicht zu sprechen - if you know, you know.
Im Zusammenhang mit Parasite Eve, spreche ich jedoch nicht mal von einem 'Remake'. Ich sage bewusst 'Remastered' da ich fast überzeugt davon bin, dass bereits ein Remaster hier wirklich zu dem ganzen nochmal mehr Gewichtung addieren könnte.
Parasite Eve würde sich für ein Remaster perfekt anbieten.
Viele Fans sprechen seit Jahren darüber, dass Parasite Eve mit einem modernen Remake oder Remaster das Potenzial hätte, wieder eine deutlich größere Aufmerksamkeit zu bekommen.
Fazit
Parasite Eve ist eines dieser Projekte, bei denen man merkt, wie viel Potenzial eigentlich in der ursprünglichen Idee steckt.
Der Roman, der Film und die Spiele verfolgen jeweils unterschiedliche Ansätze – teilen aber denselben faszinierenden Kern:
die Verbindung von Biologie, Horror und menschlicher Evolution.
Und genau deshalb glaube ich, dass Parasite Eve heute vielleicht sogar besser funktionieren könnte als damals.
Die Themen sind zeitlos, das Setting ist einzigartig und das Universum bietet noch immer unglaublich viel Raum für neue Interpretationen.
Vielleicht sehen wir eines Tages tatsächlich eine moderne Neuauflage.
Und ganz ehrlich – wenn man sieht, was Remakes und Remster in der letzten Jahre geschafft haben, frage ich mich manchmal wirklich, warum ausgerechnet Parasite Eve bis heute keine ähnliche Chance bekommen hat.
Und wenn ich schon meinen 2000sten Post hier mit etwas feiere, dann passt ein kleines Deep Dive in ein so faszinierendes und vernachlässigtes Franchise eigentlich ziemlich gut.
Auch ich wünsche mir wie mein Vorposter, dass dieser Wunsch nach einer auffrischung endlich erhört wird.
Auf das die Mitochondrien der Square Mitarbeiter alle in die richtige Richtung gelenkt werden!