Abschnitt: 1.4
Konsole: Switch 2 (N64-Version)
Vertrauliche Briefe #2
Die geschliffene Oberfläche des blauen Rubins spiegelte einen Mann, den er zu kennen glaubte. Er sah das kurze, struppige Haar, die Narben auf dem abgekämpften Gesicht und die dunklen, hervorstehenden Augen, doch der bläuliche Schimmer des Edelsteins legte sich wie ein Schleier über sein Erscheinungsbild, durch den man bloß Schemen erkennen konnte. Es fühlte sich an, als sähe er sich nicht in seiner völligen Gänze.
Kageyori beugte sich näher an sein entrücktes Ebenbild, als hinter ihm eine hölzerne Tür krachend aufflog und sich Licht über seinen Rücken ergoß. Ruckartig richtete er sich auf und ließ den Rubin in seiner Manteltasche verschwinden. Ein Grölen drang aus der Taverne, in der er den Abend verbracht hatte.
»Kage, da steckst du!«, sagte eine fröhliche Stimme. Ryuu? Ryo? Er wusste nicht mehr, wie der Mann hieß, der ihm nach seiner Ankunft in Kakariko zur Seite gestellt worden war. Namen waren wie ein Schloss ohne König, doch so oder so sah er das Gesicht des jungen, schlaksigen Wachmanns vor seinem geistigen Auge. Eine Stimme vergaß er nie, schon gar nicht, wenn sie ihn ständig umgab.
»Mhm.«
»Wir dachten schon, du drückst dich«, sagte der Mann nicht unfreundlich. »Wir warten auf deinen Einsatz, Kollege. Ein Spiel, ein Roter. Der Abend ist noch jung.«
»Ich bin müde«, log Kageyori und dachte an den Fünfer in seiner Tasche. Er zog seinen Wams zu und machte sich daran, loszugehen, als sich eine unerwartet weiche Hand auf seine Schulter legte.
»Komm schon, ein Spiel noch. Für Neulinge gehört sich das.«
Kageyori sah über seine Schulter. Der junge Kollege blinzelte wiederholt, wich jedoch nicht zurück. Er hatte ein schmales, glattes Gesicht, strohblondes Haar und abstehende Zähne. »Wie lange dienst du schon?«, fragte er ihn.
»Ich? Öh… weiß nicht, drei Monate oder so«, sagte er, »seit dem Tod meiner Mutter. Jedenfalls... was ist denn jetzt mit dem Würfeln?«
»Für heute lass ich es gut sein. Danke, aber ich leg mich hin«, sagte Kageyori.
»Ach, komm«, sagte sein Gegenüber quengelnd, »lass uns nicht hängen. Das gebietet die Ehre.«
»Was weißt du schon von Ehre?«, fragte er brummend.
Der Wachmann zuckte mit den Schultern und setzte ein dümmliches Grinsen auf: »Nicht viel, es klang einfach gut. Lass uns würfeln. Ich brauche die Rubine für meine Familie, hehe.«
Kageyori wollte seine zur Faust geballten Hand öffnen, konnte es aber nicht. Der junge Mann bewegte noch den Mund, doch Kageyori verstand ihn nicht mehr. Der Puls bebte in seinem Ohr wie Lava im Krater des Todesbergs. Der Schlag kam schneller als er gedacht hatte - und härter. Er schloss unwillkürlich die Augen, als das Blut spritzte und kleine weiße Stückchen von Zähnen wie Sterne durch die Nacht flogen. Er ging neben seinem Kollegen, der nun am Boden kauerte und vor sich hin winselte, in die Hocke. Kageyori zischte: »Ein Wort. Noch ein Wort und du kannst deiner Mutter am Friedhof erzählen, warum du ihr nachgefolgt bist.«
Der Wachmann starrte ihn einige Sekunden mit aufgerissenen Augen an, bevor sich dicke, kugelige Tränen einen Weg über das blutverschmierte Gesicht bahnten. Kageyoris Magen fühlte sich an, als wäre er mit Goronen gefüllt worden. Ein Wächter schützt die Schwachen, hatte sein Vater stets gesagt. Daran musste er denken, als er keinen Mann, sondern einen Jungen vor sich sah.
»Ryuu?«
»Mmm… Ryo...«
Kageyori nickte, zögerte noch einen Moment und wandte sich dann um. Er stapfte mit gesenktem Blick zurück zur Wachstube.
Verdammt, was ist los mit mir? Seit jeher hatte er Geduld und Achtsamkeit zu seinen Tugenden gezählt, doch er schien nicht mehr er selbst zu sein. Ein Wort. Noch ein Wort und… Seine Gedanken flogen nach Hyrule-Stadt, in der er aufgewachsen war. Akari und er hatten sich vor kurzem ein kleines Häuschen mit Blick auf das Schloss gekauft. Ein Wort. Erst war es Soldkürzung gewesen. Dann folgte schwanger. Die Stunden, in denen er stillschweigend in der Stadt oder über die Schlossgründe auf- und abmarschierte, waren länger und länger geworden; bis er ein weiteres, hoffnungsvolleres Wort vernommen hatte, das in den hiesigen Wachstuben geflüstert worden war: Ganondorf. In seinen sieben Dienstjahren hatte Kageyori gelernt, dass Wachsoldaten vor allem eines waren: Männer. Wochenlang lauschte er den anderen aufmerksam und immer wieder tauchte dasselbe Thema auf: Die Aufwartung des unabhängigen Gerudos vor dem König. Ein mächtiger Anführer, einer in hundert Jahren, geboren in einem Volk von unbändigen Frauen. Viel wurde über den Reichtum der Gerudo gesprochen, deren Ländereien nur auf dem Stück Pergament Teil des Königreichs waren. Und so hatte er, als später die Erzählung eines Traums durch die Stuben waberte wie ein Irrlicht, einen Brief geschrieben. Einen Brief über seine Not. Einen Brief über einen Jungen, der in den Wachprotokollen erwähnt und mit der Prinzessin von Hyrule gesehen worden war und sich gerüchteweise auf den Weg nach Kakariko befand. An denjenigen, von dem die Prinzessin geträumt und vor dem sie gewarnt hatte.
Der nächste Morgen hing grau und schwer über den sanften Hügeln Kakarikos. Ryo war nicht zu seinem Dienst erschienen, stattdessen hatten sie ihm einen alten Tattergreis hingestellt, der eher die Wolken zu beobachten schien als das kleine, verschlafene Dörfchen am Fuße des Gebirges. Hie und da blitzte die Sonne durch und sie hatte schon fast ihren Zenit erreicht, als plötzlich ein Klirren die Luft zerschnitt. Er kniff die Augen zusammen und ließ seinen Blick schweifen. Nahe des Dorfzentrums stand ein Kind, nicht älter als zehn Sommer, zwischen Keramikscherben. Es war ganz in grün gekleidet, hatte goldblondes Haar und trug einen Hylia-Schild am Rücken, der fast größer war als es selbst. An seinem Handgelenk befand sich ein Armreif, in den ein grüner und ein roter Edelstein eingelassen waren. Kageyori war, als hörte er ein Summen, wie das Zirpen einer Zikade. Für den Bruchteil eines Moments leuchtete etwas Blaues neben dem Kind in grün auf. Er blinzelte und schaute nochmal hin: nichts.
»Hast du das gesehen?«, fragte er den alten Wachmann, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen.
»Ja… so schön«, sagte dieser, ohne sich vom Himmel abzuwenden.
Kageyori brummte. Der Junge nickte plötzlich und das Summen verstummte. Das Kind sah sich schuldbewusst um, dabei trafen sich ihre Blicke kurz. Der Junge winkte fröhlich und zuckte dabei beschwichtigend mit den Schultern. Kageyori dachte an Ryo und wollte schon den Gruß erwidern, ehe er innehielt. Beobachten. So, wie es ihm befohlen worden war.
Game Over: 0
Herzen: 6
Bestandene Challenges: King Dodongo besiegt, ohne sich selbst wegzusprengen