Je öfter ich die Geschichte zwischen Reze und Denji in meinem Kopf erneut durchspiele, desto mehr nimmt sie mich am Ende mit. Als Reze zum ersten Mal bei Regen in der Telefonzelle auf Denji gestoßen ist, war das eigentlich der Moment, in dem sie ihrem Auftrag als Assassine nachgehen wollte. Doch das tat sie nicht, wahrscheinlich weil die speichelübersäte Blume das beste (und einzige) Geschenk gewesen ist, dass ihr jemals jemand gemacht hat.
Stattdessen haben sich die beiden angefreundet und immer wieder in dem Café getroffen, in welchem Reze Denji unweigerlich in ihr Herz geschlossen hat, weil sie sich selbst in ihm wiedersah. Ein Mensch der mit einem Teufel verschmolzen ist, ein Mensch der von anderen lediglich ausgenutzt wird um ihnen einen Vorteil zu verschaffen, ein Mensch der ein abnormales Leben führt.
Ich finde es bestürzend, dass Reze ein Treffen mit Denji in einer verlassenen Schule vorschlug, denn was zunächst wie eine unschuldige Teenager-Mutprobe wirkt, entpuppt sich im Rückblick als Reze's Wunsch nach einem ganz normalen Leben mit gleichaltrigen Mitschülern, denn auch sie wurde von der Sowjetunion in ihrer Kindheit niemals zu einer herkömmlichen Schule geschickt. Auch sie ist ihr gesamtes Leben lang lediglich ein Tool für die Machenschaften von anderen gewesen. Dort haben die beiden dann gemeinsam die Dinge miteinander erlebt, die ihnen in ihren eigenen Leben immerzu verwehrt geblieben sind.
Innerlich hat Reze immer noch mit sich gehadert, soll sie den Auftragsmord ausführen oder nicht? Und wieder wurde die Entscheidung aufgeschoben. Als sie Denji in der Schule danach gefragt hat, ob er lieber eine Land- oder Stadtmaus wäre, hat sie Denji nicht etwa nach seinen persönlichen Präferenzen bezüglich seines Lifestyles gefragt, nein, sie wollte von Denji wissen ob eine Chance bestehen würde, dass er seinem Leben als Schoßhündchen von einer fremdem Herrin den Rücken kehrt. Ob es sich überhaupt lohnt, Denji am Leben zu lassen und große Gefahr auf sich zu ziehen, nur um sich an die Hoffnung zu klammern, dass er mit ihr davon laufen würde.
Als Denji nicht so geantwortet hat, wie sich Reze es erhofft hat, hat sie sich nach der Toiletten-Pause in den Schulgängen an ihren eigenen Arm gefasst. Eine Geste, welche sie im Film nur in den wenigen Momenten getätigt hat, in der sie legitim emotional bestürzt gewesen ist - so wie bspw. auch als ihr Denji im späteren Verlauf der Geschichte während eines Kampfes sinngemäß mitgeteilt hat, dass er seinen Kuss mit ihr zurückziehen möchte. Und doch hat sie den Auftragsmord erneut aufgeschoben, in der Hoffnung dass sie Denji noch überreden könnte, wenn sie nur noch ein bisschen mehr Zeit hätte.
Reze hat das Date mit Denji beim Festival als ihre letzte Chance angesehen, ihn von der Flucht zu überzeugen, bevor es zu spät ist. Auch hier hat sie vor dem Geständnis des Fluchtplans ihren eigenen Arm gepackt, diesmal heftig und verzweifelt, denn sie hat sich vor der kommenden Antwort wirklich gefürchtet. Die besonders schmerzhafte Tragödie an diesem Moment ist für mich, das Denji nicht Reze selbst, sondern lediglich ihren spezifischen Vorschlag abgewiesen hat. Für Denji ist Reze zu diesem Zeitpunkt nur ganz ein normales Mädchen gewesen, dass ihm die Idee unterbreitet hat, irgendwo ein neues Leben anzufangen - nicht ein Mädchen mit Teufelsherz, welches in ihn verliebt ist und verzweifelt ihrer Situation als mörderisches Werkzeug entkommen möchte.
Dass Denji dieser Umstand in Wahrheit total egal gewesen ist, hat man dann später an der Szene am Strand in Erfahrung gebracht, leider erst als es schon zu spät gewesen ist. Denn Reze hat sich in diesem Moment dazu entschieden, die Fassade der kaltherzigen und manipulativen Auftragsmörderin aufrecht zu erhalten, um Denji, aber auch ihr eigenes verwirrtes Selbst zu schützen. Hätte sie es hier zugegeben, hätte sie ebenfalls zugegeben, dass sie niemals von Denji verraten wurde, und sie völlig umsonst versucht hat ihn umzubringen.
Was danach passiert ist, wissen wir alle, die den Film gesehen haben. Hierzu gibt es nicht viel zu sagen, außer dass die Tragödie noch einmal einen perfiden Höhepunkt dadurch erreicht, dass weder Reze noch Denji ihre wahren Gefühle jemals ungefiltert zum Ausdruck bringen durften, bevor das Kapitel ihrer Liebesgeschichte für immer geschlossen wurde. Weder durch Reze, die in ihren letzten Momenten lossprintend kaum erwarten konnte, ihre Maske endlich fallen zu lassen, noch durch Denji, der seine Entscheidung tatsächlich zugunsten von Reze gefällt hat und dort den ganzen Tag mit einem Blumenstrauß auf sie wartete.