In den letzten Wochen vor meinem einwöchigen Urlaub (letzte Woche) habe ich drei japanische Werke gelesen (wovon ich eigentlich nur eines wirklich als „Werk“ bezeichnen würde).
Zwei davon waren Empfehlungen meines lokalen Thalia-"Japan-Tisches" – und ich habe sie eigentlich nur aus zwei Gründen gekauft:
- Ich lese gerne etwas „Simpleres“, wenn ich gerade eine starke Schreibphase habe, da ich meine Charaktere und/oder Geschichten ungern beeinflussen lasse von literarischen Werken, zu denen ich aufschaue – klingt dumm, funktioniert aber gut für mich. Außerdem lässt es mein Gehirn etwas abschalten.
- Die Cover fand ich sehr süß.
Bevor der Kaffee kalt wird von Toshikazu Kawaguchi
Das Buch spielt in einem Café in Tokio, in dem man kurz in die Vergangenheit reisen kann. Es versucht, mehrere berührende Geschichten über Menschen zu erzählen, die diese Chance nutzen – es soll ruhig, magisch und gefühlvoll wirken.
Ruhig ist es definitiv – magisch, weiß ich nicht – gefühlvoll … vielleicht? Wenn man noch nie irgendein japanisches Medium konsumiert hat?
Leider habe ich zur deutschen Version gegriffen (weil ich das Cover hübscher fand) und es nachträglich bereut – da sie aus dem Englischen und nicht direkt aus dem Japanischen übersetzt wurde.
Das Buch selbst fand ich – auch wenn viele Japaner:innen die Reihe lieben – beschränkt ... „gut“.
Eigentlich war es wirklich sehr enttäuschend und größtenteils langweilig.
Mich hat auch wieder gestört, dass der Autor sich so stark auf das Aussehen der weiblichen Charaktere fokussiert hat (alle kurze Röckchen, hübsche Sandalen und bla ...) – während die Männer kaum ein T-Shirt beschrieben bekamen. Call that what you want...

Bewertung in meiner Bookshelf App: 1,5 / 5
Das Restaurant der verlorenen Rezepte von Hisashi Kashiwai
Das war dann doch deutlich besser, und auch die Story gefiel mir ein wenig mehr.
Es erzählt in mehreren Geschichten von einem geheimnisvollen Lokal, das alte, fast vergessene Gerichte serviert – und damit Erinnerungen und Gefühle weckt. Es soll warm, leise und voller Nostalgie für Japaner:innen sein.
Sicherlich fehlt mir als Nicht-Japaner der nostalgische Bezug zu vielen dieser Gerichte (auch wenn ich japanisches Essen von früheren Reisen oft vermisse).
Wenn ich jedoch die Gerichte und Geschichten mit denen meiner eigenen Herkunft ersetze – empfinde ich trotzdem nicht viel dabei.
Klar, mir gehen alle paar Jahre „verlorene Gerichte“ meiner verstorbenen Mutter ab, die ich nie wieder so nachkochen kann – aber das wäre jetzt nichts, wofür ich eine Restaurant-Detektei anheuern würde.
Ich bin aber auch – so gerne ich esse und koche – nicht so ein großer Kulinariker.
Vielleicht liegt’s daran. :’)

Bewertung in meiner Bookshelf App: 2,5 / 5
Heaven von Mieko Kawakami
Nach diesen beiden mehr oder weniger Fehlgriffen habe ich endlich etwas von Mieko Kawakami gelesen.
Tatsächlich habe ich nicht zu ihrem bekannten Breasts and Eggs gegriffen, sondern zu Heaven.
Diesmal griff ich zur englischen Übersetzung – da diese direkt aus dem Japanischen übersetzt wurde.
Es erzählt in stiller, intensiver Sprache die Geschichte zweier gemobbter Jugendlicher. Es geht um Schmerz, Verbundenheit und die Frage, was es heißt, zu überleben – für mich war das Buch sehr eindringlich und bewegend.
Irgendetwas an Kawakamis Schreibstil – oder Wortwahl – schafft es, mich sofort zu fesseln.
Ich denke, es liegt stark an ihrer ehrlichen Art: Sie überspitzt die Dinge nicht, um eine „gute“ Geschichte zu erzählen.
Auch ihre Charaktere wirken auf mich sehr menschlich und glaubwürdig.
Selten haben es selbst männliche Autoren geschafft, einen jungen Mann so gut zu treffen wie Mieko Kawakami (imo) in Heaven.
Murakami mag ihre Bücher übrigens auch – und ich musste darüber sehr lachen. Ich wünschte, er würde sich von ihr ein bisschen was abschauen, wenn es um das Thema Masturbation bei jungen Männern geht.
Was er oft über Seiten hinweg als fast schon eine Zeremonie beschreibt, schafft Mieko in ein paar Sätzen – kurz, dreckig, ehrlich.
So, wie es bei Teenagern oft wirklich ist.
Vergleiche ich (auch wenn ganz anders) Heaven von Kawakami und Gefährliche Geliebte von Murakami – würde ich hundertmal lieber Heaven lesen.

Bewertung in meiner Bookshelf App: 4,5 / 5
Einfach nur fesselnd, rau und ehrlich – großartig.
Piranesi von Susanna Clarke
Während meines Urlaubs habe ich auch endlich Piranesi gelesen – ein Buch, das mir immer wieder von Leuten empfohlen wurde, die mein Kurzbuch gelesen haben.
Oft hörte ich: „Das musst du lesen – es erinnert mich so sehr an deine Geschichte!“
Was für eine Ehre.
Nachdem ich es nun gelesen habe, fühle ich mich geehrter denn je.
Was für ein unfassbares Buch – was für eine unfassbare Geschichte.
Piranesi ist eine ruhige, mystische Geschichte über einen Mann, der in einem endlosen, säulengesäumten Haus voller Statuen lebt.
Er nennt sich Piranesi, führt Tagebuch, fischt, beobachtet die Gezeiten – und glaubt, das Haus sei die ganze Welt.
Doch nach und nach tauchen Hinweise auf, dass mehr dahintersteckt.
Es geht um Erinnerung, Identität und darum, was Realität überhaupt ist.
Das Buch war still, faszinierend und tief berührend.
Das Ende war für mich eine große Überraschung.
Ich weiß nicht, was ich zu diesem Meisterwerk sagen soll – es hat jeden wunden Punkt in meiner Seele getroffen.
Gerade der erste Teil war etwas, das ich vermutlich ewig lesen könnte: wie er durch das Labyrinth schlendert, die Statuen beschreibt, über seine Welt nachdenkt und eine fast meditative Zufriedenheit empfindet – einfach großartig.
Clarke hat den Preis absolut verdient – und ich wünschte, sie würde noch viele weitere Auszeichnungen dafür bekommen.
Ich freue mich riesig, ein weiteres Werk von ihr zu lesen!

Bewertung in meiner Bookshelf App: 5 / 5
Ich war durchgehend sprachlos.
Sprachstil, Format, Charaktere, Geschichte – alles war eine wundervolle Reise.
Ich bin zutiefst dankbar für dieses Buch.
Breasts and Eggs (aktuell)
Gerade lese ich den berühmten Klassiker von Kawakami, Breasts and Eggs.
Ich musste einfach noch einmal etwas von ihr lesen – und da ich momentan wieder mehr Einblick in die Sicht einer Frau auf die Weiblichkeit suche, kam mir dieses Buch gelegen.
Breasts and Eggs soll ein schonungsloser Roman über das Frausein in Japan sein.
In zwei Teilen geht es zuerst um Körper, Schönheit und gesellschaftlichen Druck, dann um Mutterschaft, Selbstbestimmung und den Wunsch nach einem eigenen Leben.
Schon ab dem ersten Satz erkenne ich ihren ehrlichen, rohen Stil wieder – genau den, den ich in Heaven so geliebt habe.
Ich habe große Hoffnungen für das Buch und vertraue ihr, dass sie mich wieder komplett mitreißt – mit ihren ehrlichen Worten.

Rating folgt ~