Abschnitt: 1.8
Konsole: Switch 2 (N64-Version)
Vertrauliche Briefe #5
Der in einer Seitengasse gelegene Gasthof Zum Tanzenden Tingle war bis auf seine steinernen Grundfesten abgebrannt. Tische und Stühle waren zu einem schwarzen Gerippe verkohlt, über dem der Geruch von Schwefel und Asche hing. Geschmolzenes Glas, matt vom Ruß, bedeckte die Überreste eines einst von Leben erfüllten Ortes. Von den Dächern ringsum stiegen Flammensäulen in den Himmel empor, der satt an Gewitterwolken war.
Kageyori hielt inne und rang nach Luft. Seine Augen brannten wie Schmiedefeuer, jeder Atemzug stach. Verdammter Rauch. Zwei Straßen noch. Akaris Gesicht trat vor sein geistiges Auge. Sie lächelte keck, ihre veilchenblauen Augen strahlten Ruhe aus. Und plötzlich wusste er, dass er den Jungen in seinen Armen nicht nach Hause bringen konnte. Nicht jetzt. Er sah hinab. Link schlief nach wie vor. Die Fee auf seinem Oberkörper schlug schwach mit den Flügeln.
»Was nun..?«, murmelte Kageyori und dachte nach. Das Schloss! Er kannte jeden Gang, jede Treppe. Er ging ein paar Schritte zurück und versuchte es zwischen zwei kokelnden Häusern zu erkennen, doch der Rauch hatte selbst seine Silhouette verschluckt. Hatte Ganondorf das Schloss angegriffen oder nicht? Während er zum Marktplatz zurückging, erkannte er, dass es keine Rolle mehr spielte. Prinzessin Zelda war geflohen und damit war das große Schloss von Hyrule, seine zweite Heimat, kein sicherer Ort mehr. Die Worte seines längst verstorbenen Vaters hallten in seinem Kopf wider: Ein Wächter schützt die Schwachen. Kageyori presste die Lippen zusammen. Er selbst hatte den Feind nach Hyrule-Stadt gelockt, weil er so versessen darauf gewesen war, das Kind in seinen Armen auszuliefern. Alles war seine Schuld, also musste er es nun auch beenden.
Die Zitadelle der Zeit lag still. Abgeschieden von allem anderen, schien es, als ob das älteste Gebäude der Stadt auch diesen Angriff ohne Weiteres überstanden hatte. Selten hatte er die Zitadelle betreten, obwohl er stets ein Mann des Glaubens gewesen war. Der weiße Marmor strahlte eine ruhige Kraft aus, die ihn besänftigte. Er legte Link vorsichtig vor dem Altar nieder und strich ihm über das feine Haar.
»Wir sehen uns wieder, versprochen«, flüsterte Kageyori.
Er richtete sich auf, klopfte dreimal gegen den Knauf seines Schwertes (eine alte Geste der Wachmannen) und trat hinaus.
Der Marktplatz war ein Chaos aus flackernden Lichtern und Geschrei. Er zog Verletzte aus Trümmern, trug Wasser und löschte, wo noch etwas zu retten war. Es donnerte unablässig, doch kein Tropfen fiel. Wenn doch nur endlich der Himmel bräche und Regen einsetzte... Seine Augen wanderten immer wieder zwischen der Seitengasse, von der aus er am Gasthof vorbei zu seinem Haus käme, und der Hauptstraße hin und her. Er wagte nicht, zu ihr zu gehen.
Als sie gerade den Maskenhändler aus seinem Geschäft zogen, welches eingestürzt war, hörte er es: Hufe auf Stein. Kageyori erstarrte für einen Moment und scheuchte die Umstehenden dann auseinander. Weg vom Marktplatz, sofort!
Er lief zum Brunnen, dessen Wasser sich grau verfärbt hatte, und blickte zur Straße, die zum Haupttor führte.
Erst konnte er nichts erkennen, dann brach ein schwarzer Hengst aus dem Rauch hervor, größer als jedes Pferd, das er jemals gesehen hatte. Seine Mähne glühte ihm Feuerschein, so als stünde es selbst in Flammen. Auf seinem Rücken saß eine Gestalt in glänzender schwarzer Rüstung. Das Pferd kam vor ihm zu stehen. Der Reiter trug einen eleganten blutroten Umhang mit Gerudo-Symbolen. Er hatte olivfarbene Haut, die von Blutadern, manche so dick wie Würmer, durchsetzt war. Seine Augen waren glutrot. Nicht warm, nur leer.
»Ganondorf«, sagte Kageyori leise.
Etwas blitzte auf und er wich gerade noch rechtzeitig zur Seite: Der Speer schlug hinter ihm am Brunnenrand auf und zersplitterte krachend. Er zog sein Schwert. Ein Schauer durchlief ihn, als der König der Wüste lachte.
»Steh mir nicht im Weg«, sagte Ganondorf.
»Ich tue, was ich tun muss, um die Menschen dieser Stadt zu schützen. Das... Das gebietet die Ehre.« Er dachte an Ryo, den jungen Wachmann.
»Dein Ehrgefühl hast du mit dem ersten Brief abgeschickt«, sagte Ganondorf kühl.
Sein Griff um das Schwertheft wurde fester. »Wo ist die Prinzessin?«
»Tot«, sagte der fremde Herrscher mit ruhiger Stimme.
Kageyori begann unwillkürlich zu zittern.
»Bring mich zum Jungen und ich verschone dein Leben.«
»Er ist geflohen.«
Ganondorfs Blick durchbohrte ihn. Es wurde still. Zu still. Er schluckte und spürte, wie ihm der Atem stockte. Er dachte mit Unbehagen an das Licht, das Link getroffen und ihn verwundet hatte. »Ich...«, setzte er schließlich stammelnd an. »Ich habe ihn im Schloss versteckt. Es gibt einen geheimen Raum hinter der Küche. Dort findet Ihr...«
Er hörte noch das Surren, bevor er mit voller Wucht nach hinten geschleudert wurde. Er schlug hart auf dem Pflaster auf, Luft wich aus seinen Lungen. Dann spürte er einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Er sah an sich hinab. Eine silberne Speerhälfte ragte aus seiner Brust. Er sah sich nach dem schwarzen Reiter um, der bereits in Richtung Schloss davongestürmt war. Kageyori versuchte zu lächeln, doch selbst das fiel ihm schwer.
Er drehte sich zur Seite und griff nach der Waffe. Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper als wäre er vom Blitz getroffen worden. Er hielt die Luft für einen Moment an und zog mit all seiner verbliebenen Kraft. Er schrie los, als der Speer nachgab und warmes Blut seine Finger hinabfloss. Er warf ihn weg und begann stöhnend und ächzend zu kriechen. Akari.
Hinter ihm zog sich eine dunkle Spur über das Pflaster. Niemand kam. Eine Ewigkeit verging, bis er wieder das Zum Tanzenden Tingle erreichte. Zwei Straßen noch, dachte Kageyori erneut, doch sein ganzer Körper zitterte nun. Er keuchte schwer. Er schüttelte schließlich den Kopf und lehnte sich gegen eine Hausmauer. Er würde es nicht zu seiner Frau und seinem ungeborenen Sohn schaffen. Alles war außer Kontrolle geraten. Sein Blick hob sich zum Himmel. Noch immer kein Regen. Vielleicht... Vielleicht hatte seine Lüge gereicht und genug Zeit gebracht. Er hoffte es. Kageyoris Lippen bewegten sich lautlos in einem letzten Gebet.
Als er seine Augen öffnete, stand jemand vor ihm. Kageyoris Mundwinkel verzogen sich zu einem schwachen Lächeln.
»Du bist ganz schön zäh«, sagte er. Ein Husten durchschüttelte ihn. »Lauf weg. Geh zurück in den Wald.«
Der Junge in Grün rührte sich nicht und sah ihn bekümmert an. Seine Fee ruhte auf seiner Schulter.
»Ich habe dich an Ganondorf verraten. Und dann... habe ich versucht, dich zu retten. Seltsam, oder?« Er lachte hölzern. Sein Blick wurde glasig.
Das Kind blickte ihn weiterhin nur an.
Er seufzte. »Dann... mach, dass es nicht umsonst war.«
Link nickte schließlich und trat näher. Er riecht wild, dachte er. Nach frisch gemähtem Gras, herben Kräutern und Moos. Das Kind legte seine Hand vorsichtig auf Kageyoris Brust, an die Stelle, an der das Loch klaffte. Wärme. Kein Schmerz mehr. Zögernd legte er seine kaltwerdende Hand auf die des Kindes. In seinem Kopf blitzten zwei schemenhafte Gestalten im Halbdunkel auf. Er atmete erleichtert auf.
Kageyori blinzelte. »Danke«, hauchte er.
Der Junge zog eine kleine blaue Okarina hervor und setzte sie an seinen Mund. Eine leise Melodie ertönte. Sie klang traurig, wurde aber von einem standhaften Rhythmus getragen. Donnergrollen erfüllte den Himmel. Plötzlich landete ein Tropfen auf seiner Nasenspitze. Der nächste barst auf seinem Arm. Und dann fielen weitere. Endlich Regen.
Er schloss die Augen und atmete tief ein. Moos im Regen. Der Duft von Akari.
Kageyori lächelte ein letztes Mal.
Abschnitt 1 beendet
Game Over: 0
Herzen: 8
Skulltulas: 24
Challenges: 4/5
Hat etwas länger gedauert, aber nun bin ich mit dem 1. Abschnitt auch mal durch. Ich wollte eigentlich weniger Berichte schreiben, aber ich bin dann ein bisschen in Kageyoris Geschichte „gefallen“.
Insgesamt hat mir der 1. Abschnitt ziemlich Spaß gemacht, wobei ich es einfach toll fand, nach all den Jahren wieder in die Welt von OoT einzutauchen. Ich persönlich finde zwar den "Erwachsenen-Part“ spannender, aber auch der Spielanfang hat etwas Magisches.
Schön, dass doch noch so viele dabei sind! Erfahrungsgemäß nimmt die Aktivität im Laufe eines solchen Projekts ja meist ab. Auch wenn ich meist erst spät reagiere, lese ich eure Berichte alle sehr gerne. Super finde ich auch, dass so brav auf die anderen Beiträge eingegangen wird. Ich hoffe, ihr seht es mir nach, dass ich das zeitlich nicht schaffe. Bin froh, wenn ich eure Berichte nachlesen und gleichzeitig selbst weiterkommen und schreiben kann^^
Ein Zitat möchte ich aber doch bringen und zwar, frech wie ich bin, sogleich aus einem anderen Thread:
Am meisten überrascht bin ich wohl darüber, dass ich vorher noch nie davon gehört habe. Man lernt wohl nie aus.
Ich finde es echt interessant, wie viel man dann doch immer wieder dazulernen kann, selbst wenn man ein Game schon zig Mal gespielt hat. Sei es durch andere Beiträge oder zufällige Entdeckungen (ich wusste z. B. bis dato nicht, dass man zerschnetzelte Schilder instant wieder mit Zeldas Wiegenlied reparieren kann).