Pokémon Alpha Saphir - Zu zweit übers Meer
Kapitel VIII
Das verschwundene Pokémon
Ouji hetzte durch die Straßen Faustauhavens. Trotz der frischen Meeresbrise, die über das Dorf strich, tropften Schweißperlen von seiner Stirn. Er blickte in jede Seitengasse und nahm nur am Rande wahr, dass einige Bewohner ihn anstarrten oder ihm etwas zuriefen.
Wo steckst du bloß?, dachte er. War Lombrero überhaupt auf dem Boot von Mr. Brack gewesen? Natürlich ist es mitgefahren, sagte er sich, doch Zweifel nagten an ihm wie Samurzel an einer Nuss. Ouji hatte während der Überfahrt Moorabbel eng umschlungen und gemeinsam hatten sie wie gebannt über die weite See geblickt, während sie den Liedern des alten Mannes gelauscht hatten. Lombrero musste hinter ihm gestanden haben, da war er sich fast sicher. Aber Ouji hatte sich nicht umgedreht. Er konnte sich daran erinnern, dass er Lombrero Mr. Brack vorgestellt hatte. Und dann ... und dann ... Er ballte die Hände zu Fäusten, während er weiterlief. Ich bin so ein Idiot.
Ouji kam an einem kreisrunden Marktplatz an, auf dem reges Treiben herrschte. Er versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Sein Blick blieb an einem grünen Pokémon hängen, das vor einer Art Lagerhalle stand und verträumt hin und her wippte. Sein Herz wurde augenblicklich um ein Dragoran leichter. »Lombrero!«, stieß er erleichtert und rannte auf das Pokémon zu. Doch je näher Ouji kam, desto größer wirkte das fremde Pokémon. Zu groß. Erst jetzt fiel ihm auf, dass das, was er für Lombreros breiten Hut gehalten hatte, die breiten Kelchblätter des Pokémon waren. Als es sich erschrocken umdrehte, wurde eine Blüte, die ihn an den Hinterleib eines Yanma erinnerte, sichtbar. Sie thronte inmitten der grünlichen Blätter.
»Oh«, konnte Ouji noch sagen, bevor das Pokémon mit seinen Blütenblättern wedelte und ein feiner gelblicher Nebel freigesetzt wurde. Ouji bekam eine volle Ladung ab und musste heftig niesen. Das fremde Pokémon lief davon, während seine Augen zu brennen begannen wie Feuer.
Keuchend und niesend stand Ouji da und rieb sich über das Gesicht, als eine tiefe Männerstimme ertönte.
»Alles Klärchen?«
Er blinzelte. Neben ihm stand ein junger Mann mit langen rostfarbenen Haaren. Ouji nickte benommen.
»Manche Pflanzen sind aus der Distanz cooler«, sagte der Mann locker und lachte.
»Ich suche mein Pflanzen-Pokémon und habe es verwechselt«, sagte Ouji. Er spürte die Rötung und Schwellung um seine Augen; er musste furchtbar aussehen.
»Wo hast du es verloren?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe Lombrero irgendwo zwischen Blütenburg und hier aus den Augen verloren.«
»Ah, du kommst aus Blütenburg City? Nice.« Der Mann räusperte sich. »Kamillo. Ich bin der Arenaleiter hier.« Er streckte ihm die Hand hin, zog sie dann aber sogleich wieder zurück. »Die Sporen sind ansteckend, sorry.«
»Kein Problem. Ich heiße Ouji.« Langsam beruhigten sich Oujis Augen und er musterte Kamillo. Er hatte gewöhnliche Straßenkleidung an, sein Haar stand wirr ab. Auf seiner linken Wange waren zwei lange, dünne Narben zu sehen, so als wäre er von einem Pokémon angegriffen worden.
»Ich will dir keine leeren Versprechungen machen, aber vielleicht weiß ich, wo dein Pokémon ist.«
»Wirklich? W-woher?« Seine Stimme überschlug sich.
»Nahe von hier liegen die Granithöhlen. Da drin ist es finster wie die Nacht«, sagte Kamillo. »Lombrero wäre nicht das erste Pokémon, das dort einfach verschwindet.« Er musterte Ouji.
»Wie bitte? Das klingt aber schrecklich. Warum sollte Lombrero dorthin gehen?«
»Warum sollte Lombrero dorthin gehen?«, wiederholte Kamillo. »Nicht freiwillig, da bin ich sicher. Seit einiger Zeit macht ein Pokémon-Dieb die Gegend unsicher. Dort könnte sich sein Versteck befinden ...«
Ouji lief ein kalter Schauer über den Rücken. Entführt. Das Wort wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. »Hat man die Höhlen denn nicht durchsucht?«
Kamillos Grinsen verschwand. »Hörst du nicht zu? Dort ist es stockdunkel. Ich bin der Einzige, der sich einigermaßen zurechtfindet. Mein Vater hat mich früher öfter in die Höhlen mitgenommen. Einige Pokémon hab‘ ich selbst wieder aus den Höhlen bringen können, aber gesehen habe ich niemanden.«
»Oh.« Ouji ignorierte Kamillos schroffen Ton und dachte angestrengt nach. »Ich weiß nicht mal, ob Lombrero auf dem Boot war. V-vielleicht ...«
»Dann viel Erfolg bei der Suche«, sagte der junge Mann plötzlich und machte Anstalten zu gehen.
»Warte!«, rief er. »Wie komme ich in die Höhlen?«
»Alleine hast du keine Chance.« Kamillo setzte wieder ein warmes Lächeln auf. Ouji entspannte sich etwas. »Wir können gemeinsam suchen, wenn du Bock hast.«
»In Ordnung«, sagte Ouji, fühlte sich dabei aber etwas niedergeschlagen. Viel Hoffnung hatte er nicht, aber zumindest war es eine Fährte.
Der sandige, unebene Pfad führte am Meer entlang, dessen Wellen sanft gegen kantige Felsen schlugen, die den Strand säumten. Ouji erzählte Kamillo von seiner bisherigen Reise. Der junge Arenaleiter gab hingegen seine spannendsten Pokémon-Kämpfe zum Besten; besonders gefiel Ouji die Geschichte von einem Nebulak, das Kamillos Pokémon mit Trugbildern völlig die Sinne vernebelt hatte. Trotzdem hatte der Arenaleiter gewonnen, da ihn, wie er sagte, ein unvergleichliches Band mit seinen Pokémon verbinde.
Geist-Pokémon waren mysteriöse Wesen. Eigentlich ist der Typ auch egal, dachte er dann. Felino, Moorabbel, Lombrero ... Es waren ausnahmslos Wasser-Pokémon an seiner Seite, doch Ouji hatte sie nicht deswegen ausgesucht. Genau genommen hatte er sie gar nicht gewählt. Moorabbel und Lombrero hatten sich ihm bereitwillig angeschlossen. Und Felino ... Er hatte das Pokémon vor einer Horde Felinos gerettet, die sich auf es gestürzt hatten, da es viel kleiner als die anderen war. Ouji war in der Schule eher ein Einzelkämpfer gewesen und so freundeten sich Felino und er schnell an. Und dann hatte Ouji Felino verraten. Im Schmodder hatte er es liegen gelassen, nachdem es einen Kampf verloren hatte und schwer verletzt worden war. Er war einfach überfordert gewesen und ...
»Da!«, rief Kamillo und unterbrach seinen Fluss an Erinnerungen. Ouji schüttelte den Kopf und blickte hoch. Das schroffe Gestein eines Berges ragte vor ihm in die Höhe. Er sah einen dunklen Fleck an dessen Fuße. Es war bereits Abend und so wirkte der dunkle Eingang der Granithöhlen vor dem flammenroten Himmel wie ein Tor zur Unterwelt.
Ouji strich instinktiv über die beiden Pokébälle an seinem Gürtel. Moorabbel ruhte in einem davon, der andere war leer. Lombrero, ich komme!
Kamillo ging voran und führte ihn in die düsteren Tiefen des Berges. Der Arenaleiter hatte nicht zu viel versprochen und stieg mit Ouji geschickt hinab; während Ouji Mühe hatte, überhaupt etwas sehen zu können, wies ihm Kamillo den Weg und warnte ihn vor Löchern oder Felsen, die plötzlich aus der Dunkelheit auftauchten.
»Ich war nicht ganz ehrlich zu dir«, sagte Kamillo auf einmal. Seine Worte klangen gedämpft und verloren sich in den Schächten der Höhlen.
»Was meinst du?«, sagte Ouji. Er biss sich auf die Lippen.
Ouji hörte keine Schritte mehr vor sich. Dann stieß er sich die Nase an Kamillos Rücken. »Tut mir leid, ich ...«, begann er, doch er stockte. Stille. »Kamillo?« Plötzlich wurde er nach hinten gestoßen und knallte auf dem Boden auf.
W-was ...?
Sein Atem rasselte. Er hörte ein Schlurfen, dann vernahm er Atemzüge. Ganz nah an seinem Ohr. »Gib mir Moorabbel und deinen Dex, sonst lasse ich dich hier zurück«, zischte Kamillo mit kalter Stimme.
Ouji begann zu zittern und versuchte sich aufzurappeln. »I-ich ...«
Kamillo packte ihn mit festem Griff am Hals. Ouji begann zu keuchen. Luft. Er bekam keine Luft. Panisch krallte er sich an den Armen des Mannes fest, doch dieser drückte nur noch fester zu. »Na los!«, blaffte der Mann ihn an.
Plötzlich erschien ein grell leuchtender blauer Fleck inmitten der absoluten Dunkelheit. Der Griff lockerte sich. Ouji kniff die Augen zusammen und holte ringend Luft. Er tastete nach seinem Hals, obwohl er keine Schmerzen spürte. Diese würden später kommen.
»W-was zum ...«, sagte der Mann und Ouji blickte hoch. Die Höhle war nun von vielen bunten Lichtpunkten erfüllt, welche die beiden ringsum umgaben.
»Zob«, sagte eine ihm unbekannte Stimme.
Die Lichter schienen zu vibrieren und lösten sich mit einem Ruck aus dem Gestein. Edelsteine! Schlagartig schossen sie nach vorne. Kamillo versuchte auszuweichen, doch einige schienen ihr Ziel zu treffen. Er hörte das Reißen von Stoff und die Schreie des Mannes.
Ouji wich erschrocken zurück, als einer der bunten Steine auf ihn zuflog; doch der Edelstein zerbarst zu feinem Staub, bevor er ihn erreichen konnte. Winzige Splitter kitzelten in seiner Nase. Er nieste.
Das Geschrei verklang als schwaches Echo in der Ferne; der Mann schien davongelaufen zu sein.
»Loooomb.«
Ouji fuhr hoch. Vor ihm tauchte ein violettes Pokémon auf, das ihn musterte. Es hatte dünne Arme und Beine und seine Augen glichen matten Diamanten. Dicht dahinter konnte er die Schemen eines grünen Pokémon mit Hut erahnen.
»Lombrero!«, rief er.
»Lomb«, bestätigte es, schlurfte in seiner gewohnt gemächlichen Art nach vorne und legte seinen Kopf in seinen Schoß.
»Ich habe dich so vermisst, Kumpel«, sagte Ouji und begann zu weinen.
»Zob.« Ouji schniefte und blickte an Lombrero vorbei. Das fremde Pokémon stand dort noch immer und betrachtete die beiden neugierig. »Danke. Ich weiß nicht, wie Lombrero und du zueinandergefunden habt, aber ich danke dir. Von Herzen.«
Das Pokémon nickte, Ouji blinzelte und es war verschwunden. »Hey!«, rief er. »Komm zurück.« Das Echo verhallte im Nichts.
Und wie kommen wir jetzt hier raus? Als hätte er es laut ausgesprochen, leuchteten wieder Edelsteine auf. Diesmal schimmerten sie nicht ringsum, sondern bildeten eine Linie. Darunter kam ein Pfad zum Vorschein, der nach oben zu führen schien.
»Danke«, sagte Ouji erneut und stand ächzend auf. Ihm tat alles weh.
Während Lombrero und er nach oben gingen, schaltete er seinen Pokédex ein. Er gab einige Suchbegriffe ein (»Höhle«, »violett« und »Edelstein« waren darunter) und wurde fündig. Es handelte sich um ein Zobiris, das Finsternis-Pokémon. Als er sich auf dem Dex durch die Attackenliste klickte, sprang ihm der Begriff »Juwelenkraft« ins Auge, dessen Beschreibung zu den fliegenden Edelsteinen passte.
Ouji humpelte leicht und sein Hals schmerzte unentwegt, ansonsten ging es ihm gut. Lombrero schien völlig unversehrt und trottete neben ihm her.
Wenig später erreichten sie den Ausgang und traten in die hereinbrechende Nacht hinaus. Er war noch nie so froh darüber, frische Luft atmen zu können und sog sie gierig ein.
Ouji ließ Moorabbel aus seinem Ball. Die beiden Pokémon bespritzten sich sogleich gegenseitig mit Wasser. Ouji schaffte es sogar, ein wenig zu lächeln. Doch alles in allem war er hundustermüde und musste erstmal verarbeiten, was heute alles passiert war. Er dachte an Kamillo. Ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Warum hatte sich der Mann als Kamillo ausgegeben? Ouji gähnte laut und sehnte sich nach einem Bett im Pokémon-Center. Sonst wäre ich nicht mit ihm mitgegangen, schoss es ihm durch den Kopf. Er schürzte die Lippen. Und ich bin ihm direkt in die Falle gegangen.
»Zob.«
Ouji wirbelte herum. Da stand das Zobiris wieder und sah den beiden Pokémon dabei zu, wie sie am Strand spielten. Ouji zögerte einen Moment. Dann verstand er. »Es ist ganz schön einsam in solchen Höhlen, oder?«
Ouji holte einen Pokéball aus seinem Rucksack und wartete. Zobiris nickte ihm schließlich zu. Dann warf er den Ball auf seinen Retter.
Orden: 1 von 8
Team: Moorabbel (Lvl. 16), Lombrero (Lvl. 16), Zobiris (Lvl. 13)