1. Findet ihr, dass es verpflichtend sein sollte, Trigger-Warnungen an Games anzubringen?
Nein!
Weil: Students' Beliefs About Trigger Warnings - PubMed
Trigger warning: Empirical evidence ahead - ScienceDirect
Und es gibt etliche weitere Studien.
Wie man diesen Studien entnehmen kann zeigen Triggerwarnungen keinen beweisbaren positiven Effekt. Es passiert genau das Gegenteil, emotionale Verletzlichkeit steigt, Resilienz wird zerstört.
Ich bin selbst ein schwer traumatisierter Mensch, alles gut aufgearbeitet und inzwischen nur noch sehr schwer zu triggern. Ich bin ohne Triggerwarnungen groß geworden und hab mir ganz im Gegenteil schon mit ca 8 oder 9 meine ersten Horrorfilme angesehen. Es gibt Gründe warum sich gerade schwer traumatisierte Menschen Horrorfilme ansehen, wer mehr dazu wissen will den muss ich aufs selber recherchieren verweisen weil ich da jetzt nicht ausholen will.
Als dann die ersten Triggerwarnungen aufkamen war ich schon damals gefühlt der Meinung das diese nicht gut sein können, das sie etwas mit den betroffenen Menschen machen werden und das wird nichts positives sein. Ich hab mir damals schon gedacht, entzieht man sich ständig jedem Trigger kann das nicht gut sein für die Resilienz. Und ich dachte mir auch Triggerwarnungen könnten dazu führen das traumatisierte Menschen in eine Opferhaltung gedrängt werden könnten. Damals gab es keine Wissenschaft dazu, ich konnte nur mit meinen Bauchgefühl argumentieren.
Und inzwischen gibt mir die Wissenschaft recht.
Nicht ganz zu Thema Videospiele passend aber zu Trauma und Trigger. Letzten Dienstag gabs im Kolleg (ich studiere Sozialpädagogik) eine Diskussion. Ich weiß nicht wo ich genau starten soll ohne zu weit auszuholen (da es ohnehin länger wird) aber im Prinzip gings darum das ich für einen fiktiven Fall eine konkrete Intervention vorgeschlagen habe. Innerhalb von Sekunden hab ich die Hälfte der Klasse gegen mich aufgebracht. Es fielen Sätze wie:
"Das kannst du nicht machen, damit könntest du das Trauma triggern!"
"Es ist nicht die Aufgabe der Sozialpädagogen Traumatherapie zu machen sondern tragfähige Beziehungen aufzubauen!"
Und viele ähnliche Sätze.
Ich weiß nicht ob ihr schon mal in so einer Situation wart, das plötzlich ihr Alleine gegen eine Wand aus Menschen gestanden habt, in dem Fall eine argumentative. Das macht was mit einen Menschen und ich war zum ersten mal seit sehr langer Zeit wieder in einem getriggerten Zustand. Scham kam in mir auf aber nicht weil ich etwas "falsches" gesagt hatte sondern weil mir die Sätze die da auf mich geschleudert wurden das Gefühl gaben das Trauma etwas ist das man nicht anfassen darf (außer man ist Traumatherapeut), das Trauma etwas ist das man in sich verstecken muss und in letzter Konsequenz muss man sich daher für das Trauma für das man nichts kann schämen.
Da ich aber mein Trauma gut aufgearbeitet habe konnte ich auch in so einen getriggerten Zustand noch halbwegs reflektieren und konnte das Gefühl der Scham gleich eben zuordnen und mir sagen das ich mich dafür nicht schämen muss. Und das wiederum hab ich dann wieder als Argumente genommen um ihnen klar zu machen was sie da eigentlich gerade sagen.
Das sie mit ihren Aussagen Trauma zu etwas unnormalen machen, dabei ist Trauma völlig normal, es ist eine Anpassungsreaktion und jeder Mensch hat ein Trauma, die einen sind halt mehr traumatisiert, die anderen weniger. Und wenn man wirklich eine tragfähige Beziehung zu den Klienten aufbauen will kann man Trauma nicht einfach ausklammern, es nicht sehen wollen. Es ist teil dieses Menschen und muss beachtet und gesehen werden.
Allerdings kam nichts mehr davon an, ich wurde einfach weiter mit ähnlichen Sätzen zugeworfen. Rückblickend würde ich sagen, nicht nur ich war getriggert, sondern ich habe mit meiner Aussage den "Mob" ebenfalls getriggert aber zu dem Zeitpunkt war mir das nicht klar, konnte ich das nicht sehen, ich führte mich alleine und schwach, die anderen waren in der Überzahl.
Am Weg nach Hause verschlimmerte sich mein Zustand, ich zweifelte an meiner Aussage, fragte mich ob die Methode doch falsch und so katastrophal wäre, fragte mich sogar ob ich die Ausbildung abbrechen sollte weil eventuell wäre ich ein ganz furchtbarer Pädagoge. Und ich fragte mich warum mich das jetzt überhaupt so getriggert hat das ich aufpassen muss nicht in dissoziative Zustände zu fallen.
Am nächsten Morgen hab ich angefangen zu recherchieren, war das falsch was ich da gesagt habe? Kognitiv war ich mir sicher das ich nicht falsch lag aber meine Emotionen sagten leider gerade was völlig anderes. Aber ich fand passende Studien und damit meine Bestätigung, leider blieb ich weiterhin getriggert und die Emotionen blieben und das fragen und fragen und fragen ob ich was falsches gesagt habe, ob ich ein guter Pädagoge wäre. Jetzt hatte ich es hier schwarz auf weiß stehen das ich nicht falsch lag und dennoch blieb ich in dem Zustand, konnte ihn nicht abstellen. Mir wurde dann klar das wird wohl nur klappen wenn ich mit diesen Leuten nochmals in die Konfrontation gehen würde, ja genau, in eben jene Situation die mich erst so getriggert hat. Das was mich getriggert hat, darf ich nicht vermeiden sondern genau dort muss ich wieder hin, nur dort kann ich das wieder auflösen. Die andere Option wäre Flucht gewesen aber diesem alten Muster will ich nie wieder ohne wirklich guten Grund nachgeben.
Gestern war dann ausnahmsweise auch Samstags Unterricht, das Fach Pädagogik. Am Weg ins Kolleg wurde mir schlecht, ich wollte wieder nach Hause, ich wollte fliehen aber ich hab darüber nachgedacht wie ich dieses Thema nochmals aufmachen könnte. Es war ja in einem anderen Fach und ich hatte auch Angst das die anderen glauben würden ich will mich in den Fordergrund stellen. Aber am Ende hatte ich Glück es wurde ein Thema angeschnitten das gar nicht so unähnlich war, es ging um Rassismus und Opferhaltung und über das Thema Opferhaltung hab ich den Bogen geschlagen und konnte das Thema nochmals ansprechen. Hab nochmals meine Sichtweise erläutert, was die Wissenschaft weiß und warum ich es für wichtig halte auch dem Trauma im Menschen zu begegnen. Ich sah schon wie sich einige regten um zu erwidern aber da hakte die Pädagogikvortragende ein und gab mir in allen Punkten Recht und zack, raus war ich aus diesen Kacktriggerzustand. Gut zu wissen ist hierbei natürlich das die Pädagogikvortragende auch eine Traumatherapeutin ist, also quasi eine Autorität was Trauma betrifft und als sie mir Recht gab war ich da wirklich endgültig draußen, keine selbstzerfleischenden Gedanken mehr sondern wieder gute Laune. Mit einem Wimperschlag getriggert und mit einem anderen wieder draußen.
Und was anderes konnte man hier gut beobachten, Gruppendynamik. Also sich die Vortragende zu Wort meldete kamen plötzlich einige meiner Klassenkameraden und sagten das sie eigentlich von Anfang an meiner Meinung waren, aber der Widerstand kam sofort und so plötzlich und mit solcher Wucht und Lautstärke das sie sich gar nichts mehr sagen trauten weil sie an ihrer Meinung zweifelten. Das will ich ihnen auch gar nicht anlasten, weil jeder von uns war schon in einer ähnlichen Situation wo wir uns etwas nicht sagen trauten weil wir einen Shitstorm befürchteten oder uns die Gegenwehr verunsicherte.
Das Problem das ich sehe (und das bezieht jetzt die Triggerwarnungen mit ein) ist das wir gefühlt in einer Gesellschaft und Zeit leben in der Opferhaltung zelebriert wird und der Respekt vor dem Trauma zu groß ist. Wir wollen traumasensitiv sein und das ist gut und wichtig aber Traumasensitivität darf nicht in eine Vermeidung führen, darf nicht dazu führen das wir Angst haben Trauma anzufassen und damit zu interagieren. Auf der Beziehungsebene einen Teil eines Menschen nicht anfassen zu wollen weil man Angst hat irgendwas auszulösen macht was mit dem Menschen, gibt ihm das Gefühl etwas stimmt mit ihm nicht, er oder sie ist nicht richtig.
Triggerwarnungen können traumatisierten Menschen vermitteln das sie schwach sind was Resilienz zerstört und anderen Menschen vermitteln das traumatisierte Menschen wären verletzlicher, fragiler, weswegen sie dann anders, eben falsch mit ihnen umgehen.
Und was viele nicht wissen, Heilung ist nur im getriggerten Zustand möglich. Wer also jeden Trigger versucht zu vermeiden flieht vor der Heilung.