Ocarina of Time

    • [Fanfiction]

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    • „Wow, das ist wunderschön!“ Link ließ seinen Blick durch die Feenhöhle schweifen, wobei ihm vor Überraschung der Mund offen stehen blieb. Die Wände sahen aus als bestünden sie aus flüssigen Edelsteinen, die unablässig von oben nach unten flossen und dabei ihre Farbe wechselten. Während sie in der Nähe der Decke in einem hellen Aquamarinblau erstrahlten, wurden sie zum Boden hin immer dunkler, bis sie ein sattes Saphirblau erreicht hatten. Zwischen dem schimmernden Blau zogen sich silberne Fäden über die Wände.
      Den Großteil des mit edlen Platten gefliesten Raumes nahm ein imposanter, flacher Brunnen ein, der aus demselben weißen Marmor gefertigt war wie die Bodenfliesen. An seinen Seiten ragten hohe Fackeln in die Luft, die den Raum mit warmen Licht erfüllten, und in seinem Inneren glitzerte reines, leicht türkises Wasser, das kühl und erfrischend aussah.
      „Das muss die Feenquelle sein.“, mutmaßte Navi, deren Augen vor lauter Aufregung so sehr funkelten, dass sie aussahen als würden sie Funken sprühen. Sogar ihre Wangen hatten sich leicht gerötet. Als sie Links Blick auf ihrem Gesicht bemerkte, lächelte sie ein wenig verlegen. „Ich bin fürchterlich aufgeregt. Die großen Feen sind lebende Legenden meines Volkes. Sie zu treffen ist eine unglaubliche Ehre und wird nur sehr wenigen zu teil. Angeblich hat seit Tausend Jahren niemand mehr eine große Fee zu Gesicht bekommen und jetzt werd ich bald eine treffen. Das ist unglaublich.“
      „Vorausgesetzt, du findest sie.“ Hectors Stimme klang trocken und machte Navi ein wenig wütend. „Was heißt hier ‚wenn ich sie finde’?“ „Na ja, das da ist doch die Quelle, nicht wahr?“ Er deutete auf den Brunnen vor sich und Navi nickte ungeduldig. „Ja. Und?“ „Angeblich sind die großen Feen an ihre Quellen gebunden, aber siehst du hier irgendwo eine Feenkönigin? Ich sehe außer dir nicht eine einzige Fee, nicht mal eine weitere kleine.“
      Navi klappte die Kinnlade herunter und für einen kurzen Moment hatte es ihr tatsächlich die Sprache verschlagen. Doch dann sah sie ihren Gegenüber angriffslustig an und fauchte: „Vielleicht zeigt sie sich ja nur Wesen, die geistig dazu in der Lage sind...“ Sofort fiel der stolze Gorone auf die Provokation herein und beugte sich wütend ein Stück vor. „Was soll das denn heißen?“ Link seufzte und ließ sich von Hectors Schulter gleiten. In diesen Streit wollte er wirklich nicht rein gezogen werden.
      Langsam und mit schmerzverzerrtem Gesicht schritt er auf die Feenquelle zu. Vielleicht entdeckte er ja etwas, das weiterhelfen sollte. Hinter ihm gerieten die beiden Streithähne immer mehr in Rage. „Was das heißen soll? Ich will damit sagen, dass ihr riesigen Felsklöpse zwar solche Muckies, aber nichts in der Birne habt!“ „Pah! Aber ihr Feen seit besser, oder was? Was könnt ihr denn schon, außer hübsch aussehen?“
      Mit den Augen rollend ging Link vor dem Brunnen in die Hocke und betrachtete ein in den Boden geprägtes, goldenes Ornament, während Navi und Hector erst richtig in Fahrt kamen. „Na, immerhin können wir so was wie denken. Das scheint euch Muskelprotzen ja vollkommen fremd zu sein. Oder war es etwa durchdacht, dass einer von euch Link und mich beinah mit einer Donnerblume umgebracht hätte?“ „Was kann denn der Rest meines Volkes dafür, wenn einer nicht ganz sauber tickt? Bei euch sind natürlich alle erste Sahne...“ Navi dachte kurz an das schwarze Schaf in ihrer Familie, schob den Gedanken an ihren verkorksten Cousin jedoch schnell wieder zur Seite.
      Sie wollte gerade zu einer giftigen Antwort ansetzen, als Links Stimme sie zurück hielt. „Könnt ihr euren ‚Battle of Races’ mal kurz vergessen? Ich hab da mal eine Frage.“ Sofort wandte Navi sich dem noch immer knienden Jungen zu, verpasste es jedoch nicht, Hector einen letzten stechenden Blick über die Schulter zuzuwerfen.
      „Was gibt’s denn?“ „Das Triforce ist doch das Zeichen der hylianischen Königsfamilie, richtig?“ „Eigentlich ist es viel mehr als das. Es soll ein Zeichen des Schutzes der Göttinnen sein und –“ Doch bevor sie ihren Satz beenden konnte, fiel Link ihr ins Wort. „Ein einfaches Ja oder Nein genügt.“ „Hmpf. Also gut: Ja. Aber wie kommst du da jetzt drauf?“
      Stumm deutete der Junge auf das goldene Triforce-Zeichen zu seinen Füßen und zückte die Okarina, um das Lied zu spielen, das Impa ihm beigebracht hatte. Kaum hatte er das Hauptthema der Melodie gespielt, ertönte auch schon ein schrilles Lachen und das Wasser im Brunnen kräuselte sich in kleinen Wellen.
      Wie aus dem Nichts erschien plötzlich die große Fee noch immer lachend in der Feenquelle. Sie war um einiges größer als jede sterbliche Frau und sogar als jeder Mann, den Link bisher gesehen hatte, ihre pinken Haare waren in drei dicken Zöpfen zurück gebunden und um ihren schlanken Körper rankte sich goldenes Weinlaub. Sie betrachtete ein wenig geringschätzig ihren Besuch, bis ihr Blick an Links Gesicht hängen blieb und sich ein Lächeln auf ihre vollen, rosafarbenen Lippen schlich.
      „Du bist also der junge Held, der Gohma und King Dodongo besiegt hat.“ Der Junge stutzte, sagte aber nichts. Offensichtlich bedeutete ihr Fluch, der sie an diese Quelle band, nicht, dass sie uninformiert war. „Es ist sehr mutig von dir, dich Ganondorf in den Weg zu stellen. Du und Prinzessin Zelda, ihr verdient meinen Respekt.“
      „Das ehrt mich sehr, große Fee, doch ich bin nicht hier, um einen netten Plausch zu halten.“ Der Blick, mit dem Link der Feenkönigin begegnete war fest und eine Spur fordernd, was jene wieder zum Lachen brachte. „Herrlich! Ich wünschte, alle Helden wären so reinherzige, hübsche Jungs wie du.“ Dabei räkelte sie sich so lasziv in der Luft, dass es dem Jungen die Schamesröte ins Gesicht trieb und Navi entsetzt zu ihr hinauf starrte.
      Sie lachte wieder und legte sich dann einen Zeigefinger an den Mundwinkel. „Nun gut, ich sehe ein, dass du keine Zeit hast, um ein wenig mit einer alten, gelangweilten Fee zu schwatzen. Du hast wichtige Aufgaben zu erfüllen und dafür musst du bei voller Gesundheit sein. Komm näher.“
      Link trat an den Rand des Brunnens und blickte zu der Feenkönigin hinauf, die ihm die Hände auf die Schultern legte und die Augen schloss. Sofort spürte er wie sein Körper von einer warmen Woge ergriffen wurde und er fühlte sich plötzlich wohlig und leicht. Als die Fee ihre Augen wieder öffnete, waren all seine unzähligen Schürf- und Platzwunden ohne eine einzige Narbe zu hinterlassen vollständig verheilt und auch der pochende Schmerz in seinem Fuß war wie weg geblasen.
      Er lächelte dankbar, als die gigantische Frau ihm gegenüber sein Gesicht in ihre Hände nahm. „Ich habe noch ein Geschenk für dich und hoffe, du nimmst es an.“ Bevor Link etwas erwidern konnte, presste die Fee ihre Lippen auf seine. Der Junge riss überrascht die Augen auf und versuchte, seinen Kopf aus den großen, weichen Händen zu winden, Hector gab einen undefinierbaren Laut von sich und Navi schnappte hörbar nach Luft.
      Die Feenkönigin jedoch schienen diese Reaktionen völlig egal zu sein. Sie öffnete ihre Lippen ein wenig und blies Link ihren Atem in die Lungen, bevor sie ihn entließ. Dieser starrte sie entsetzt an, doch sie lächelte nur. „Ich habe dir einen Teil meiner Magie gegeben. Dies sollte dich in die Lage versetzten, Zauber einsetzen zu können.“ „Zauber? Was für Zauber?“, schaltete Navi sich ein, in deren Stimme sich ein angewiderter Unterton geschlichen hatte.
      „Nun ja, ich selbst bin nicht im Besitz eines Zaubers, sonst würde ich euch zeigen, was ich meine. Aber eine Freundin von mir hat vor langen, langen Jahren Din ihren mächtigsten Zauber entwendet. Dabei soll es sich um einen nahezu unschlagbaren Angriffszauber handeln, doch näheres weiß ich leider auch nicht.“
      Hector verschränkte die Arme vor der Brust und sah nicht überzeugt aus, doch Navi bohrte weiter: „Und wo können wir diese Freundin finden? Es wäre zu schade, wenn Link seine neuen magischen Fähigkeiten nicht nutzen könnte.“ Die große Fee bedachte den Jungen, der verstohlen versuchte, sich über die Lippen zu wischen, mit einem amüsierten Blick.
      „Sie lebt in der Nähe des hylianischen Schlosses. Grüßt sie von mir, wenn ihr sie besucht. Aber denkt daran: Magie einzusetzen, erfordert höchste Konzentration – gerade wenn es sich um dermaßen mächtige Zauber handelt. Deswegen ist ihr Einsatz weise zu bedenken, die Verwendung von Magie ist sehr anstrengend und auslaugend.“ Mit diesem Worten und von ihrem schrillen Lachen begleitet, verschwand die Feenkönigin wieder im Nichts und ließ ihre drei Besucher verdutzt dreinblickend zurück.

      „Wenn alle große Feen so sind, frag ich mich, wie sie zu so großem Ansehen unter meinem Volk kommen konnten...“, meckerte Navi, während sie neben Hector die Höhle verließ. Link ging ein paar Schritte hinter ihnen und schien seinen Gedanken nachzuhängen. „Vielleicht ist es so eine Art Größenwahn. Du weißt schon: Zu viel Macht und so. Das scheint doch fast alle Herrscher zu betreffen.“ „Euer Darunia scheint ziemlich lässig zu sein.“, gab die junge Fee zu bedenken. Hatte sie sich eben noch mit dem Goronen erbittert gestritten, schien dies über ihre tiefe Enttäuschung schon wieder vergessen.
      „Ja, Darunia ist klasse, da hast du Recht.“, stimmte Hector ihr zu, als sie wieder ins Freie traten. Inzwischen stand der Mond hoch am Himmel und die Sterne funkelten fast ebenso wie die eigenartigen Wände im Inneren der Höhle. Die Eule des Rauru saß noch immer auf dem verwitterten Wegweiser und musterte Link genau.
      „Wie ich sehe, war dein Besuch bei der Feenkönigin von Erfolg gekrönt. Du scheinst sogar ein wenig erwachsener geworden zu sein.“ Navi prustete los und presste sich die Hände vor den Mund, um zu verhindern, laut los zu lachen. „Kein Wunder. Er hat ja auch gerade seinen ersten Kuss bekommen.“, murmelte sie so leise, dass selbst Hector, der neben ihr stand, Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen, doch die Eule durchbohrte sie mit einem eisigen Blick.
      Dann wandte sie sich dem Goronen zu: „Du kannst nun nach Goronia zurückkehren und die frohe Kunde verbreiten, dass unser Held wieder wohl auf ist. Ich werde ihn zum Fuß des Berges bringen.“ Hector sah Link fragend an, der mit den Schultern zuckte und sich mit einer etwas linkischen Umarmung von seinem neuen Freund verabschiedete. An der Kante der steilen Felswand, die er Link Stunden zuvor hoch geworfen hatte, wandte der Gorone sich noch einmal um und winkte der kleinen Gruppe, bevor er in die Tiefe sprang.
      „Nun, junger Held, es wird Zeit. Halte dich an meinen Krallen fest.“ Link warf Navi einen verunsicherten Blick zu und zuckte dann mit den Schultern, als wollte er sich selbst sagen, dass seine Zweifel und Befürchtungen unwichtig waren. Dann nahm er seine Mütze, die er an seinem Gürtel festgeknotet hatte, und hielt sie auf, damit Navi es sich darin gemütlich machen konnte, bevor er sie wieder aufsetzte.
      Der Flug durch die Nacht war geradezu berauschend. Nie im Leben hatte Link sich freier gefühlt. Fasziniert betrachtete er die Landschaft, die unter ihm vorbei zog und wünschte sich, er selbst hätte Flügel, um so durch die Lüfte zu gleiten. Nach viel zu kurzen zwanzig Minuten setzte die Eule ihn vor Impas Haus in Kakariko ab, bevor sie wortlos davon flog.
      Link sah ihr noch lange nach und fragte sich, wann sie wohl das nächste Mal unerwartet auftauen würde. Dann wandte er sich um und betrat das große Haus, wo er herzlich von der Hausvorsteherin empfangen wurde und eine weitere Nacht verbrachte.

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    • Am nächsten Morgen wusch Link sich erst einmal gründlich und zog danach eine saubere Tunika an, die er aus seinem Wunderbeutel kramte. Mit einem etwas nachdenklichen Blick verstaute er die Kleidung vom Vortag in dem Ledersäckchen und hoffte inständig, dass der Feenzauber irgendwie dafür sorgte, dass der vor Dreck und Schweiß starrende Stoff hoffentlich nicht auf den restlichen Klamotten oder gar auf dem Essen lag.
      Danach verabschiedete er sich ein weiteres Mal von der liebevollen Hausvorsteherin, die üppigen Reste vom Frühstück, ein wenig Dörrobst und einige geräucherte Fische mitgab. Link ließ alles in dem unglaublichen Lederbeutel verschwinden und trat hinaus in die Vormittagssonne. Er reckte und streckte sich, sog die warme Luft tief ein und wandte sich ebenso wie Navi mit dem Gesicht dem milden Sonnenlicht zu. Es war einfach ein herrliches Gefühl, endlich mal wieder ausgeruht und vor allem sauber zu sein. Mit einem zufriedenen Lächeln stieg der Junge die Treppe vor dem Haus hinab und durchquerte das Dorf, wobei ein paar Passanten grüßte, die ihm freundlich zunickten.

      Als er sich den Toren des Schlossparks näherte, überlegte er kurz, ob er von der Wache einfach Einlass fordern sollte – schließlich hatten ihn genug Soldaten in Begleitung von Impa gesehen – doch er entschied sich dagegen, aus Angst so die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich zu ziehen und es doppelt schwer zu haben, wenn sie ihn nicht passieren ließen und er sich reinschleichen musste.
      Also schnappte er sich gleich wieder die Kletterpflanze, die ihm schon beim ersten Mal gute Dienste geleistet hatte, und erklomm den Felsvorsprung. Missmutig betrachtete er den sandigen Dreck, der beim Klettern von der Felswand gerieselt war und sich in den Falten seines Gewandes festgesetzt hatte. „Das war meine letzte saubere Tunika.“
      Mit einem leicht säuerlichen Gesichtsausdruck schlich er sich an den Wachen vorbei in die Sackgasse, die Impa ihm bei seinem letzten Besuch gezeigt hatte. Dort beeilte er sich, eine seiner Bomben auf die gleiche Weise wie auf dem Gipfel des Todesberges zu entzünden, während Navi am Eingang der Gasse Schmiere stand.
      Nur wenige Minuten später detonierte die explosive Kugel und riss den Felsen, der den Eingang zur Feenquelle versperrte in viele kleine Stücke. „Jetzt aber schnell! Das können die Soldaten gar nicht überhört haben.“ Link winkte Navi heran, die an ihm vorbei durch das enge Loch in der Felswand schoss, und folgte ihr. In der Höhle angekommen, versuchte er sich Steinstaub und Dreck aus der Tunika zu klopfen, doch es half alles nichts, sie war hoffnungslos verdreckt.
      Die Feenhöhle sah nahezu identisch aus wie die auf dem Todesberg, lediglich die Fackeln vor dem Brunnen hatten eine andere Farbe. Anstatt in einem satten Orange zu brennen, leuchteten diese in einem frischen Grasgrün. Sogar die große Fee, die mit überschlagenen Beinen in der Luft über der Quelle saß, erschien den beiden Abenteurern dieselbe zu sein, die sie bereits getroffen hatten.
      Navi verengte die Augen angriffslustig zu Schlitzen und Link verzog bei der Erinnerung an seinen geraubten Kuss angewidert den Mund, doch als die Feenkönigin sprach, hatte sie eine vollkommen andere Stimme als die erste.
      „Seid willkommen, ihr Zwei. Ich habe euch bereits erwartet.“ Link zog stumm die rechte Augenbraune in die Höhe und Navi lauschte angespannt auf das Fußgetrappel vor der Höhle. Offensichtlich hatten die Wachen herausgefunden, woher der laute Explosionsknall gekommen war. Die große Fee bemerkte ihren stur auf den Ausgang gerichteten Blick: „Keine Angst. Die Soldaten Hyrules können meine Quelle nicht betreten. Ich habe einen magischen Schutzwall errichtet. Wir haben also alle Zeit der Welt.“
      Link trat ein paar Schritte vor und blickte seiner Gegenüber unverwandt in die Augen. „Wenn du uns erwartet hast, weißt du sicherlich auch, warum wir hier sind.“ „Aber ja, ihr seid zu mir gekommen, um Dins Feuerinferno abzuholen.“ Der Junge nickte und lehnte sich auf das linke Bein, als Navi das Wort ergriff: „Warum helft ihr uns eigentlich? Es heißt in unseren Legenden immer wieder, Feenköniginnen hätten für die anderen Völker Hyrules nichts übrig.“
      Link starrte Navi überrascht an, doch die große Fee lächelte nur mild. „Das mag sogar so sein, aber es gilt nicht nur für die anderen, sondern sogar für unser eigenes Volk. Früher haben wir euch alle verachtet, weil ihr euch mit unseren Fähigkeiten nicht messen konntet, heute beineiden wir euch, weil ihr frei sind, dorthin zu gehen, wohin ihr wollt.“ Ihre Stimme klang mit jedem Wort sehnsüchtiger und sie richtete die Augen auf einen imaginären Punkt in weiter Ferne. „Was würde ich nicht alles dafür geben, wenn ich noch einmal über die weiten Ebenen der hylianischen Steppe wandern oder im kühlen Nass des Hylia-Sees baden könnte...“
      Doch bevor sie zu sehr abschweifen konnte, fing sie sich selbst wieder und richtete ihren Blick auf Link, der sie erwartungsvoll ansah. „Ganondorf muss aufgehalten werden! Wenn er seine Ziele erreichen kann, wird bald nichts mehr von der Schönheit Hyrules übrig sein. Alles Schöne, was die Göttinnen geschaffen haben, würde von ihm mit Finsternis überzogen werden. Das wäre der Tod für viele Feen und auch wir Feenköniginnen würden leiden. Zwar können wir nicht sterben, doch wir wissen, was es heißt zu leiden.“
      Navi gab einen missbilligenden Ton von sich und grummelte vor sich hin. „War ja klar, dass es eigennützige Motive sein mussten...“ Link blickte stumm auf seine Stiefelspitze. Er konnte gut verstehen, warum Navi so aufgebracht war. Die kleine, goldenhaarige Fee mochte zwar ein Hitzkopf sein, der keine Möglichkeit ausließ, mit jemandem in Streit zu geraten, doch sie hätte so ziemlich alles für sämtliche Bewohner Hyrules getan, denn sie liebte diese Welt und alle seine Wesen – mit Ausnahme von Spinnen natürlich.
      Mit einer Fingerbewegung bedeutete die Feenkönigin Link näher zu kommen. Während er sich langsam dem Brunnen näherte, presste er die Lippen aufeinander und hoffte inständig, dieses Mal ungeküsst zu bleiben. Als der Junge vor ihr stand, streckte die große Fee einen Arm aus und öffnete die Hand mit der Handinnenfläche nach oben. Zunächst erschien sie leer, doch plötzlich materialisierte sich etwas in der Hand. „Dies, mein Junge, ist Dins Feuerinferno. Nutze diesen Zauber, wann immer du in Gefahr bist. Doch denke daran: Zu viel Einsatz von Magie kann dich schneller erschöpfen als eine Horde wildgewordener Monster.“
      Geradezu ehrfürchtig hob Link den Zauber aus der Hand der großen Fee. Er war in etwa so groß wie Links Faust und bestand aus einem hell leuchtenden Feuerwirbel, der zwischen zwei Pyramiden aus einer nicht identifizierbaren, durchsichtigen Substanz eingeschlossen war.
      „Und wie setze ich diesen Zauber ein?“ „Höre in dich hinein und du wirst instinktiv das Richtige tun.“ Ohne eine weitere Erklärung verschwand die große Fee und ließ nur leichte Wellenbewegungen im Brunnenwasser zurück. Während Link den Zauber in seinen Lederbeutel steckte, blickte Navi gedankenverloren auf das gekräuselte Wasser der Quelle. „Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann große Feen einfach nicht ausstehen.“
    • Blaublütige Rebellin

      Kaum dass die Beiden die Höhle verlassen hatten, wurde Link auch schon unsanft von einer Schlosswache gepackt. Ein anderer Soldat stand ihm gegenüber und musterte ihn streng. „Das ist doch der kleine Hosenscheißer, der hier letztens schon rum geschlichen ist. Was hast du hier gemacht?“ „Das geht dich gar nichts an!“ Navi schwirrte dem Mann wie eine Schweißfliege vorm Gesicht. Dieser versuchte, sie mit einer unwirschen Handbewegung zu verscheuchen und starrte Link, der stur die Lippen aufeinander presste, grimmig an.
      Ein junger Soldat, der in der Nähe stand, meldete sich zaghaft zu Wort: „Sir, ich glaube, er ist eine Art Freund von Prinzessin Zelda. Ich habe ihn jedenfalls vor ein paar Tagen zusammen mit Impa in den Innenhöfen gesehen.“ „Schweig!“ Die Stimme des Hauptmanns war schneidend und er ließ Link noch immer nicht aus den Augen, doch nach ein paar Atemzügen wandte er sich zum Gehen. „Werft ihn raus und erklärt ihm, was passiert, wenn er hier noch mal ohne Voranmeldung auftaucht.“
      Die Soldaten warfen Link unsanft auf den breiten Weg vor den Schlosstoren, sodass er stürzte und lang auf dem Boden aufschlug. Navi eilte zu ihm und warf den lachenden Männern, die langsam wieder ihre Posten bezogen, bitterböse Blicke zu. Als Link wieder aufstand, spuckte er ein wenig Sand aus, den er in den Mund bekommen hatte, und verzog das Gesicht. Er war über und über mit staubigem Dreck bedeckt, sogar in seinen Haaren hingen vertrocknete Moosreste.
      Auf dem Weg zurück in Richtung Hyrule-Stadt sprach keiner der Beiden ein Wort, erst als sie den überfüllten Marktplatz erreichten, ergriff Link das Wort: „Wohin geht’s jetzt eigentlich? Hast du eine Ahnung, wo der letzte Stein ist?“ Navi sah ihn aus großen Augen und mit leicht offen stehendem Mund an. Es dauerte einige Herzschläge, bis sie ihm antwortete: „Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Ich hab keine Ahnung, wo wir hin müssen.“

      Link lag lang ausgestreckt im Gras, genoss das heiße Prickeln der Mittagssonne auf seiner nackten Brust und lauschte dem leisen Gurgeln des neben ihm fließenden Flusses, während Navi mit schmollendem Gesichtsausdruck neben ihm saß. „Das ist echt unglaublich! Wir haben eine lebenswichtige Aufgabe und du liegst hier faul rum und machst Urlaub!“
      Der Junge hob sein rechtes Augenlid halb an und blinzelte zu ihr herüber. „Soll ich etwa halbnackt durch die Gegend laufen?“ „Tze, als wäre das eine Ausrede... Es hat dich ja niemand gezwungen, deine komischen, grünen Kartoffelsäcke zu waschen!“
      „Es sind Tuniken und keine Kartoffelsäcke und auch keine Kleider oder Röckchen.“ Link stützte sich auf den linken Ellenbogen und fuhr sich mit der Hand durchs glatte, inzwischen fast trockene Haar. Seine lange Mütze lag neben seinen Stiefeln und mehreren in der Nähe zum trocknen ausgebreiteten Tuniken. Er hatte sogar seinen Gürtel mit dem Wunderbeutel, in dem Link inzwischen auch seine Bomben aufbewahrte, abgenommen und neben sich ins weiche Gras gelegt.
      „Außerdem... Was ist so schlimm daran, dass ich die Zeit, in der ich nachdenke, wo der letzte heilige Stein sein könnte, genutzt habe, um meine Kleider zu waschen?“ „Das Schlimme ist, dass du nicht aussiehst, als würdest du nachdenken!“
      Mit einem gelangweilten Grunzen ließ Link sich wieder auf den Rücken fallen und streckte die Arme von sich, um möglichst viel von dem warmen Sonnenlicht aufzufangen. „Blablabla...“, murmelte er leise vor sich hin, während ihm eine sanfte Brise einige Haare ins Gesicht wehte. „Hmpf!“ Navi verschränkte die Arme vor der Brust und starrte wütend auf den Fluss, der silbern glitzernd an ihnen vorbei floss.
      „Was ist das eigentlich für ein Fluss?“, fragte Link, dem Navis Stummheit nach ein paar Minuten unheimlich wurde. „Das ist der Zora-Fluss. Er entspringt einer Quelle im Reich der Zoras, zieht sich einmal quer durchs Land und speist den großen Hylia-See im Südwesten.“
      Link setzte sich auf und betrachtete grüblerisch das Gewässer neben ihm. „Zoras... Zoras... Da war etwas...“ Navi sah zu ihm herauf und musterte sein angespanntes Gesicht mit den zusammengezogenen Augenbraunen und den leicht gespitzten Lippen. „JETZT siehst du endlich aus, als würdest du nachdenken.“
      Doch er beachtete sie gar nicht, sondern zog stattdessen seinen Lederbeutel zu sich und holte die Okarina heraus. Bevor Navi nachfragen konnte, was er vorhatte, hatte er die Flöte bereits an die Lippen gehoben und begonnen, das Lied zu spielen, das Salia ihm beigebracht hatte.
      „Link! Es ist schön zu hören, dass du meinen Song benutzt!“ Der Junge zuckte zusammen, als der Wind die geflüsterten Worte direkt an seine Ohren trug. Doch trotz der seltsamen Form der Unterhaltung konnte er hören, dass seine beste Freundin ehrlich erfreut war. Während er antwortete, richtete er seinen Blick stur auf die Fee vor ihm, um das Gefühl, Selbstgespräche zu führen, in den Hintergrund zu drängen.
      „Salia, ich brauche deine Hilfe.“ Für mehrere Momente war es still und Link fragte sich bereits, ob er etwas falsch gemacht hatte, als eine neue Böe Salias Antwort zutrug. „Klar. Was kann ich für dich tun?“ „Erinnerst du dich an die Geschichte, die der Deku-Baum uns über die drei Göttinnen erzählt hat?“ Salia lachte sanft. „Welche von den vielen meinst du?“ „Die, in der es um die besonders gesegneten Völker ging. Kannst du dich erinnern, welches Volk von welcher Göttin bevorzugt wurde?“
      Navi guckte freudig überrascht ob der Wendung des Gespräches und lauschte angestrengt auf Salias Worte, doch nur Link war in der Lage sie zu hören. „Lass mich überlegen. Din liebte die stolzen und temperamentvollen Goronen, Farore hatte die verspielten und wagemutigen Kokiri am liebst und...“ Ihre Stimme wurde immer leiser und verlor sich immer mehr, doch die letzten, entscheidenden Worte waren gerade so eben noch verständlich. „... Nayru bevorzugte die ruhigen und intelligenten Zoras. Link, du –“
      Der Rest ihrer Worte wurde vom Wind verschluckt, doch Link verlor keine Zeit damit, sich Gedanken zu machen, was sie hatte sagen wollen. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen! Schnell raffte er seine Sachen zusammen und kleidete sich an, während Navi ihn verwirrt beobachtete. Dann wandte er sich mit entschlossener Miene zu seiner Fee um. „Wie komme ich am schnellsten in das Reich der Zoras?“
    • „Ich fass es einfach nicht, dass mir das nicht selber eingefallen ist!“, meckerte Navi leise vor sich hin. Die Beiden waren schon seit Stunden flussaufwärts unterwegs, doch noch immer konnte sie sich nicht damit abfinden, dass ihr nicht selbst die Idee gekommen war, dass der Ohrring der Nayru bei den Zoras sein könnte. Link ging stumm neben ihr und beobachtete einige Fische und Frösche, die durch den Fluss schwammen. Seine Versuche, Navi zu beschwichtigen hatte er schon vor einigen Kilometern aufgegeben.
      „Ich meine, ich weiß es doch eigentlich! Wie oft hat der Deku-Baum euch Geschichten über Nayru und die Zoras erzählt, während ich auf einem Ast saß und zugehört hab?“ Link seufzte und versuchte, ihr unentwegtes Gemotze auszublenden, als ein entferntes Rauschen an seine Ohren drang.
      Er blieb wie angewurzelt stehen, spitzte die langen Ohren und lauschte angestrengt. „Was ist das?“ Eine Hand hatte er bereits am Griff seines Schwertes, um sich gegen eventuelle Gegner zu verteidigen, als Navi Entwarnung gab. „Klingt wie ein Wasserfall. Das heißt, wir haben es nicht mehr weit.“ „Was ist ein Wasserfall?“ Link, der den Großteil seines Lebens in den Kokiri-Wäldern verbracht hatte, war jetzt schon von dem vielen Wasser des beeindruckenden Flusses begeistert. Bisher hatte er lediglich kleinere Bachläufe und den künstlich verbreiterten Burggraben von Hyrule-Stadt gesehen. Was ein Wasserfall sein könnte, war ihm völlig schleierhaft.
      Doch als sie um die nächste Wegbiegung kamen und er die mit lautem Tosen herabstürzenden Wassermassen erblickte, blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen. Als er sich an Navi wandte, musste er aus vollen Lungen brüllen, um das laute Donnern des Wasserfalls zu übertönen: „Das ist ja gigantisch! Und hier leben die Zoras?“
      Navi flog dicht an ihn heran und schrie ihm direkt ins Ohr, doch sie hatte dennoch Schwierigkeiten bei all dem Lärm verständlich zu sein: „Angeblich liegt ihr Reich hinter diesem Wasserfall. Doch soweit ich weiß, lassen sie nicht jeden herein. Und jeder, der es unbefugt versucht, wird von den Wassermassen fortgerissen und von der Strömung gegen die Felsen hier ringsum geschleudert. Es gibt nur wenige, die das überlebt haben.“
      Link machte ein besorgtes Gesicht und fasste sich selbst an den Hals, so als würde er die Schlinge des Todes bereits um seine Kehle gelegt fühlen. Doch dann drückte er den Rücken durch und rief: „Dann wollen wir mal sehen, wie man da rein kommt!“
      Die Lösung dieses Rätsels war jedoch einfacher als gedacht. Vor ihnen führten Felsausläufer wie zwei gebogene Arme hoch zum Wasserfall. Auf dem etwas weiter hinten und höher gelegenen Pfad entdeckte Navi ein goldenes Triforce-Emblem, ähnlich dem, das Link in der Feenhöhle gefunden hatte.
      Die einzige Schwierigkeit bestand darin, auf dem schmalen Fels nicht auszurutschen. An einigen Stellen war der glatte Stein mit Algen bewachsen und das Sprühwasser des Wasserfalls machte ihn zusätzlich glitschig. Konzentriert setzte Link einen Fuß vor den anderen und breitete die Arme aus, um das Gleichgewicht zu halten. Seinen Blick richtete er stur auf den Weg vor ihm. Dennoch geriet er zweimal ins Rutschen und wäre einmal sogar fast gestürzt.
      Trotzdem schaffte er es irgendwie ohne Verletzungen bei dem Triforce-Zeichen anzukommen. Erleichtert ließ er die Luft, die er instinktiv angehalten hatte, aus seinen Lungen entweichen und lockerte die angespannten Schultern, bevor er seine Okarina hervor holte. Eine feuchte Strähne hing ihm ins Gesicht und das grobe Leinen seiner klammen Tunika scheuerte über seine Haut, doch er konzentrierte sich voll auf das Wiegenlied der hylianischen Königsfamilie.
      Als er geendet hatte, ließ der Junge sein Musikinstrument sinken und wartete gespannt. Für unendlich lange Momente passierte gar nichts, doch dann schob sich langsam eine Art dreieckiges Dach aus der Felswand hinter dem Wasserfall, während die untergehende Abendsonne alles in ein warmes Orangerot tauchte.
      Die herabstürzenden Wassermassen trafen auf das massive Steindach und teilten sich in der Mitte, sodass sie den Blick auf einen unter dem Dach liegenden Höhleneingang freigaben. Navi und Link sahen sich mit einem begeisterten Glänzen in den Augen an und sprangen bzw. flogen zu dem neu freigelegten Weg rüber.
    • Nachdem sie ein paar Schritte zurückgelegt hatten, glitt das Dach zurück in seine Ausgangsposition, wobei die Zahnräder des Mechanismus protestierend ächzten. Der Junge beobachtete fasziniert, wie sich der undurchsichtige Wasservorhang wieder vor dem Eingang legte.
      Link und Navi drangen langsam weiter in die Höhle vor. Unter ihnen war ein riesiges Wasserbassin, in dem sauberes, silbrig schimmerndes Wasser funkelte. Ihnen gegenüber stürzte ein weiterer Wasserfall in die Tiefe, doch er war um einiges schmaler als sein Gegenstück draußen und machte auch nur halb so viel Lärm. Die Wände waren mit glänzenden Muscheln überzogen, die das Licht der geschickt platzierten Fackeln so reflektierten, dass die gesamte Höhle taghell erleuchtet war. Alles in allem hätte das Reich der Zoras unendlich friedlich gewirkt, wären seine wie Bewohner nicht wie aufgescheuchte Hühner umher gelaufen.
      „Hier ist ja ganz schön was los.“, murmelte Link, während er dem schmalen Felspfad weiter nach oben folgte. „Ich frage mich, ob das immer so ist oder etwas passiert ist.“ Navis Stimme klang angespannt und sie beobachtete zwei sich wild gestikulierend unterhaltende Zoras.
      Trotz ihrer offensichtlichen Aufregung wirkten die Wasserwesen beinah übernatürlich elegant. Sie waren allesamt groß â€“ sie überragten Link um gute zwei Köpfe – und hatten einen androgynen Körperbau, sodass nicht auszumachen war, ob es sich um männliche oder weibliche Vertreter ihres Volkes handelte oder gar um beides. Ihre von bläulichweißen Schuppen besetzten Gliedmaßen waren schlank, aber muskulös und hatten an den Gelenken flossenartige Auswüchse. Doch das Auffälligste waren der unglaublich lange Hinterkopf, der wie der Hinterleib eines Delphins geformt war und den Zoras bis zu den Lenden hing, und die großen, tiefschwarzen Augen.
      Navi wandte den Blick von den aufgebrachten Fischwesen ab und schaute zu Link, der mit schiefgelegtem Kopf vor einem Wegweiser stand und rätselte. Rechts neben ihm flachte der Weg ab und führte hinab zum Wasser, links wand sich eine Treppe weiter nach oben.
      „Was hast du?“, fragte sie, als sie zu dem Jungen aufgeschlossen hatte. Er sah kurz zu ihr auf, widmete sich dann jedoch wieder dem Stück beschriebenen Holzes vor seiner Nase. „Ich frage mich, was das heißt.“ „Kannst du etwa nicht lesen?“ Navi war entsetzt und starrte den Jungen, der betreten auf den Boden sah aus großen Augen an.
      „Ich bin nun mal mitten im Wald aufgewachsen. Was willst du erwarten?“ Doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck und er blickte seine Fee ein wenig angesäuert an. „Natürlich kann ich lesen! Ich bin weder dumm, noch hab ich nicht aufgepasst, wenn der Deku-Baum uns etwas beigebracht hat. Aber das da...“, er deutete auf die großen, schwarzen Buchstaben auf dem hellen Holz, „... ist weder eine Schrift, noch eine Sprache, die ich je in meinem Leben zuvor gesehen oder gehört habe.“
      „Ist ja gut... Du musst nicht gleich so wütend werden, nur weil ich mal kurz an dir zweifle.“, grummelte Navi leise, die Links bösen Blick im Rücken spürte, als sie sich den Wegweiser genauer ansah. „Das ist die Sprache der Zoras. Da steht, dass die Treppe hoch in den Thronsaal führt.“
      Link sah sie ein wenig erschrocken an. „Daran hab ich noch nie gedacht, dass andere Völker meine Sprache vielleicht gar nicht sprechen. Was mach ich denn, wenn ich ihnen mein Anliegen nicht erklären kann?“ „Da dürftest du hier keine Probleme haben. Soweit ich weiß, sprechen alle Zoras Hylianisch. Die Königsfamilien sind recht eng befreundet und außerdem pflegen die Zoras enge Handelsbeziehungen mit Hyrule. Fast jeder Fisch, den du auf dem Markt kaufen kannst, wurde von einem Zora gefangen. Man sagt lediglich, dass sie einen sehr eigenartigen Dialekt sprechen.“ „Inwiefern eigenartig?“ „Keine Ahnung.“ Navi zuckte mit den Schultern und deutete die Treppe herauf. „Lass es uns raus finden. Wenn hier einer weiß, wo sich der heilige Stein befindet, dann vermutlich der König.“
    • Geschwind stieg er die Stufen zum Thronsaal hinauf, nur dann unsicher wieder ein paar Schritte zurück zu weichen. Der König der Zoras war ein riesiges Wesen, das mehr an einen gestrandeten Wal als an seine schlanken, eleganten Untertanen erinnerte. Er saß am gegenüberliegenden Ende des Saals auf einer von Wasser umspülten Erhöhung und brüllte mit ohrenbetäubender Lautstärke einen jungen Zora an. Link verstand keines der Worte, doch dass es keine Geburtstagsglückwünsche waren, machte alleine der scharfe Ton klar.
      Dennoch drückte der Junge entschlossen den Rücken durch und Schritt mutig auf das kleine Podest zu, von dem aus Besucher Anfragen an den König stellen konnten. Navi zog sich unter seine Mütze zurück und hob vorsichtig deren Saum ein wenig an, um trotzdem etwas sehen zu können.
      Mehre Minuten beachtete keines der anwesenden Wasserwesen den Jungen, der ziemlich verloren auf dem großen Steinpodest stand und sich immer wieder räusperte oder mit zaghaften Entschuldigungen für die Störung versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Navi begann in Gedanken bis fünfzig zu zählen und brüllte aus voller Lunge, als Link noch immer nicht zur Kenntnis genommen worden war, als sie die Fünfzig erreichte: „Sollen wir uns hier die Beine in den Bauch stehen, ihr verfluchten, versnobten Fischköpfe?“
      Link zuckte bei ihrem Wutausbruch fürchterlich zusammen und schwor sich, demjenigen, der ihm erzählt hatte, Feen seien sanftmütige Wesen, bei der nächsten Gelegenheit für diese infame Lüge ordentlich vors Schienbein zu treten. Sämtliche Zoras im Raum verstummten abrupt und drehten sich mit einem verärgerten Ausdruck in den großen, schwarzen, leicht eckigen Augen zu ihm um. Lediglich die Augen des Königs waren rund und von einem blassen Hellblau, bemerkte Link, bevor das Geschrei wieder von vorne anfing.
      Die verschiedenen Stimmen wirbelten durch den Raum und verwoben sich zu einem unverständlichen Gemurmel. Doch als der König sprach, übertönten seine Worte alles andere Gesprochene im Raum. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass er als Einziger Hylianisch redete, überlegte Link. Der König zeigte mit einem kurzen, viel zu dünnen Arm auf ihn: „Werft ihn raus!“
      Link stolperte rückwärts und versuchte den in einer Front auf ihn zukommenden Zoras auszuweichen, während er wild mit den Armen vor sich in der Luft fuchtelte. „Wartet! Wartet! Ich habe ein wirklich wichtiges Anliegen. Ich wollte nicht, dass euer König oder ihr beleidigt werdet, aber ihr kennt ja Feen...“ Er lachte nervös, als er ein paar Schritte zur Seite machte, um nicht die Treppe herunter gestoßen zu werden. Doch anstatt sich wieder in den Raum hinein zu bewegen, trieben ihn die Zoras einen anderen Gang hinab.
      Das etwa knöchelhohe Wasser, das den Boden in Thronsaal und Gang bedeckte, schränkte Links Bewegungsfreiheit stark ein, doch die Zoras schienen dadurch kein Stück beeinträchtigt zu sein. Hinter sich vernahm der Junge plötzlich das laute Tosen des Wasserfalls. „Na super... Das hat mir gerade noch gefehlt. Warum nur musst du immer so eine große Klappe haben, Navi?“ Die Stimme der Fee klang ein wenig zerknirscht, als sie antwortete: „Entschuldige. Ich wollte doch nur, dass man dich beachtet.“ „Danke, aber das ist ein bisschen zu viel Beachtung.“
      Die Zoras trieben Link immer weiter auf den Abgrund zu und Panik drückte sich seine Kehle hoch, als Navi eine Idee kam: „Vielleicht ist das jetzt der richtige Zeitpunkt, um Dins Feuerinferno zu testen.“ Link war sich nicht sicher, ob er so einen mächtigen Zauber tatsächlich gegen die Zoras einsetzen sollte, doch ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass er keine Zeit hatte, um zu zweifeln. Schnell griff er nach seinem Wunderbeutel, doch bevor seine Hand auch nur das Leder berührt hatte, stieß ihn eines der Wasserwesen den Wasserfall herab.
      Von oben hörte er aufgebrachte Stimmen, doch Navis schrilles Kreischen machte ihre Worte unverständlich, bevor auch die Fee gurgelnd verstummte, als sie zusammen mit Link nach einem tiefen Fall ins Wasser stürzte.
      Sofort wurde der Junge von der Strömung unter die Oberfläche gerissen und davon gespült. Aus den Augenwinkeln sah er undeutlich eine Art breites, goldgefasstes Tor auf sich zu kommen. Kaum dass die Strömung ihn durch den Durchgang gedrückt hatte, wurde er auch schon augenblicklich von unsichtbaren Kräften hin und her geworfen. Er drehte sich so heftig, dass er nicht einmal mehr wusste, wo oben und wo unten war.
      Plötzlich schlug er hart auf dem Boden auf und schluckte vor Überraschung einen ganzen Mund voll leicht abgestanden schmeckenden Wassers. Die Strömung ließ ihn über den sandigen Untergrund schrappen und schleuderte ihn schließlich mit voller Wucht gegen einen Felsen. Für einen kurzen Moment sah Link einen hellen Lichtblitz, gefolgt von kleinen Sternchen, doch schon im nächsten wurde die Welt um ihn herum schwarz.

      Er träumte, er säße zusammen mit Salia hoch oben im Wipfel des Deku-Baumes, wie er es so oft getan hatte, während der Schutzpatron der Wälder seinen Schützlingen eine Geschichte erzählt hatte. Eine leichte Brise strich über den Kokiri-Wald und brachte die Blätter der Bäume zu einem melodischen Rauschen. Salia saß neben ihm, hielt seine Hand und deutete auf einen hellen Klecks am Horizont. Was auch immer es war, es war zu weit weg, um es zu erkennen.
      Die grelle Mittagssonne ließ Salias elfenbeinfarbene Haut in einem unnatürlichen, fast gespenstischen Weiß leuchten, doch ihre Stimme klang so vertraut wie seit eh und je: „Dort lebt die Prinzessin. Sie wartet auf dich. Lass sie nicht warten, Link. Lass sie nicht warten...“
      Das friedliche Bild seines Heimatwaldes und seiner besten Freundin entfernte sich immer mehr, bis es sich ganz auflöste und er allein in der Dunkelheit zurückblieb. Lediglich Salias Stimme blieb bei ihm, hüllte ihn ein und bewahrte ihn vor dem Sturz in die Finsternis. Doch irgendwie klang sie nun eigenartig... „Link! Hey! Link! Hörst du mich? Link!“
      Langsam begannen seine Augenlider zu flattern und er hörte neben Salias Stimme das entfernte Plätschern von Wasser und leise Rufe von Nachtvögeln. „Link? Link! Oh, bei den Göttinnen! Endlich!“ Endlich erkannte er, dass es nicht Salias, sondern Navis Stimme gewesen war, die er gehört hatte. Er schlug die Augen auf, würgte und spie einen Schwall Wasser aus, bevor er sich wieder mit geschlossenen Lidern auf den Rücken fallen ließ und tief Luft holte.
      Navi streichelte ihm über die Wange und murmelte beschwichtigend vor sich hin, doch Link war sich nicht sicher, ob sie ihn oder sich selbst beruhigen wollte. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er in einen wunderschönen, sternenübersäten Nachthimmel. Er holte tief Luft und verzog das Gesicht. Seine vom geschluckten Wasser gereizten Lungen schmerzten eben so wie sein gesamter Körper.
      Vorsichtig stützte er sich auf die Ellenbogen und blickte sich um. Er lag auf einer Wiese in der Nähe eines riesigen Sees mit dunkelblauem Wasser, Navi stand mit besorgtem Gesichtsausdruck auf seiner Brust und neben seinen Füßen kniete ein Zora, der ihn aufmerksam musterte.
      Erschrocken wich Link so gut er auf dem Rücken liegend konnte zurück. Navi purzelte bei seinem plötzlichen Rückzug von seinem Oberkörper und plumpste ziemlich unsanft auf den Boden. Der Zora jedoch blieb unbewegt sitzen und beobachtete ihn aus seinen großen Augen.
      „Link, hey, ganz ruhig. Das ist Mia. Sie hat dich gerettet, als du vorhin beinah im Hylia-See ertrunken wärst.“ Ängstlich betrachtete Link die junge Zora-Frau, die ihn zaghaft anlächelte. Als sie sprach, war ihre Stimme seidig und weich. „Ihr legt ein recht eigentümliches Verhalten an den Tag, Sire.“ Link warf angesichts der gestelzten Sprache Navi einen irritierten Blick zu, doch diese zuckte nur mit den Schultern.
      „Wie kommt es, dass Ihr so furchtsam auf einen Zora reagiert?“ „Könnte daran liegen, dass ein paar von euch versucht haben, mich zu ersäufen.“ Mias Augen wurden noch eine Spur größer und sie sah Link verständnislos an. „Bitte? Ich verstehe nicht.“ Schnell fasste Navi die zurücklegenden Ereignisse zusammen und berichtete ihrer neuen Bekannten, was passiert war, bevor diese Link bewusstlos im See treibend gefunden hatte.
      Als sie geendet hatte, blickte Mia nachdenklich auf ihre in ihrem Schoß gefalteten Hände. „Ich empfinde unendliches Bedauern, Sire. Ihr seid zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in unser Reich gekommen. Unter normalen Umständen hätte das nie passieren können. Ich hoffe, Ihr könnt meinem Volk vergeben.“
      „Aber was ist eigentlich los?“, fragte Link, der sich langsam aufsetzte und die Beine zu einem Schneidersitz übereinander legte. Mia seufzte übertrieben und richtete ihren Blick auf den ruhig daliegenden See. „Ihr werdet es nicht für möglich halten, Sire, aber unsere Prinzessin ist uns abhanden gekommen.“ „Wie kann man denn eine Person verlieren, geschweige denn ein Mitglied der königlichen Familie?“ Navi klang zutiefst erstaunt und ihre Augen glitzerten erwartungsvoll.
      Die Zora-Frau wurde ein wenig rot, was im fahlen Mondlicht jedoch kaum zu erkennen war. „Der Sachverhalt ist ein wenig anders gelegen, Mylady.“ Navi machte ob der Anrede große Augen, doch Link gab ihr mit dem Zeigefinger einen kleinen Klaps gegen den Hinterkopf und warf ihr einen drohenden Blick zu, der sie warnte, ja auf dem Teppich zu bleiben.
      „Die Wahrheit ist leider, dass Prinzessin Ruto... nun ja... Die junge Mistress hat sich freiwillig entschieden, dem Hof fern zu bleiben... mal wieder.“ „Du meinst, sie ist abgehauen?!“ Mia machte ein zerknirschtes Gesicht und Link sah seine Fee tadelnd an. „Navi, sei nicht immer so unsensibel.“
      Eine Windböe fegte über die Wiese und ließ Link, dessen Kleider noch immer völlig durchnässt waren, frösteln. Dabei stach der Zora-Frau etwas ins Auge. „Da haben sich ein paar Schlingpflanzen in ihrem Gürtel verfangen, Sire.“ „Was? Oh, danke für den Hinweis.“ Link lächelte zu ihr herauf, was sie mit einem breiten Grinsen quittierte, bei dem sie eine Reihe blendet weißer, rasiermesserscharfer Haifischzähne zeigte. Schnell guckte der Junge weg und bemerkte etwas glänzendes zwischen dem grünen Wirrwarr, das sich in seinem Gürtel verheddert hatte.
      „Hey, seht mal. In dem Grünzeugs hing eine Flasche und da ist ein Brief drin.“ Er hob das schmale, mit einem Korken verschlossene Glasgefäß hoch und Navi trat aufgeregt von einem Fuß auf den nächsten. „Hui, Flaschenpost! Was steht drin? Das ist ja so spannend!“ Vorsichtig schüttelte der Junge das braune Stück Papier heraus und rollte es auf, bevor er laut vorlas: „Hilfe, ich bin im Bauch von Lord Jabbu-Jabbu und brauche jemanden, der mir hilft. Gezeichnet: Prinzessin Ruto. P.S.: Sag’s nicht meinem Daddy.“
      Langsam ließ Link das Papier sinken und blickte zu Mia hinüber, die stocksteif da saß und ihn entsetzt anstarrte. „Das... das... kann nicht sein.“, stammelte sie, doch schon bald erlangte sie ihre Fassung zurück. „Wir müssen diesen Brief sofort König Zora zeigen. Er wird an der Handschrift ablesen können, ob er echt ist. Schnell, haltet Euch an mir fest. Ich bringe Euch durch das Portal zurück in die Zora-Höhle, Sire.“

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    • Die Rückreise war auf Grund von Mias Schwimmfertigkeiten nur halb so holperig, aber dennoch nicht viel angenehmer. Link spürte noch immer die immensen Kräfte, die an ihm zogen und zerrten, und er klammerte sich fester an den Zora, der von der Strömung nicht das Geringste zu bemerken schien. Zwar fühlte er sich in Mias Armen schon irgendwie sicher, doch trotzdem war ihm wohler, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
      Schnell wrang er seine Mütze aus, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und versuchte, so viel Wasser wie möglich aus seiner Tunika zu streichen, bevor er zu der jungen Zora-Frau aufschloss, die schon ungeduldig vor dem einzigen Wegweiser der Zora-Höhle wartete.
      Als sie den Thronsaal betraten, funkelten die anwesenden Zoras Link feindselig an. Der Junge zog instinktiv die Schultern leicht vor und versuchte, sich unter ihren Blicken weg zu ducken. Mia jedoch schritt zielstrebig auf das steinerne Podest zu. Ohne zum Sprechen aufgefordert worden zu sein, platzte es einfach aus ihr heraus: „Euer Hoheit, ich glaube, wir wissen, wo sich Eure Tochter aufhält.“
      Sofort fixierte der feiste Regent sie mit seinen unnatürlich hellen Augen und sah sie erwartungsvoll an. „Dieser junge Recke hier...“, sie deutete auf Link, der ein wenig verlegen in die Runde winkte, „... hat eine Flaschenpost gefunden, die Aufschluss über den Verbleib der ehrwürdigen Prinzessin Ruto liefern könnte. Wir bitten Euch nur, die Echtheit des Briefes zu bestätigen.“ Dann wandte sie sich an Link und beorderte ihn zu sich. „Sire, kommt näher und zeigt Euren wertvollen Fund.“
      König Zora drehte und wendete das dünne Blatt Papier und studierte es eingehend, während Link es langsam mit der Angst zu tun bekam. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was die Zoras mit ihm anstellten, wäre der Brief nicht echt. Dann endlich ließ der Herrscher den vergilbten Zettel sinken und starrte Link entsetzt an.
      „Das kann nicht sein. Sire, sagt, wo habt Ihr dieses Schreiben entdeckt?“ Bevor er antworten konnte, musste der Junge sich räuspern und wurde von mindestens sieben Augenpaaren ungeduldig gemustert. „Auf dem Grund des Hylia-Sees, glaube ich.“ „Ihr glaubt es lediglich und wisst es nicht?“ „Nun ja, ich war ohnmächtig und als ich wieder zu mir kam, hing die Flasche zwischen ein paar Pflanzen, die sich in meinem Gürtel verfangen hatten.“
      Der imposante Zora machte ein nachdenkliches Gesicht, als sich sein Berater einschaltete: „Es ist durchaus möglich, dass die Flaschenpost bis zum Hylia-See gespült wurde, wenn Prinzessin Ruto sie in die Quelle geworfen hat.“ Der König taxierte Link für einige unendlich lang erscheinende Herzschläge und klatschte dann in die Hände. „So soll es sein. Sire, Ihr werdet unsere Prinzessin im Bauch von Lord Jabbu-Jabbu suchen. Sollte dieser Brief nicht der Wahrheit entsprechen, kann ich es nicht erlauben, dass eine Angehöriger meines Volkes nicht in den Gewässern Hyrules auf der Suche nach ihr ist. Deswegen werdet Ihr gehen.“
      „Aber Eure Lordschaft!“, meldete sich ein weiterer Zora zu Wort. „Ihr könnt doch nicht wirklich gewillt sein, einen Hylianer zu Lord Jabbu-Jabbu zu schicken. Er ist unser Schutzgeist und darf unter keinen Umständen dermaßen entweiht werden.“ Link wollte bereits protestieren, dass er gar kein Hylianer, sondern Kokiri war, doch etwas in dem Blick des Zora-Regenten hielt ihn zurück. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass dieser Unterschied vermutlich gar nichts zur Sache tat.
      Der König bedachte den vorlauten Zora mit einem vernichtenden Blick und donnerte: „Schweigt still! Ich habe mich entschieden.“ Der Andere wollte noch etwas entgegnen, doch sein Regent hatte sich bereits wieder der kleinen Gruppe auf dem Podest zugewandt. „Lady Mia, Ihr besorgt den Opferfisch und Ihr, Lord Kallaha,...“, er richtete seinen Blick auf einen der Umstehenden, „...geleitet unseren Gast zu Lord Jabbu-Jabbus Quelle.“
      Ein besonders muskulöser Zora trat vor und bedeutete Link und Navi, ihm zu folgen. Unterdessen entfernte Mia sich in Richtung Wasserfall, ohne sich von ihren neuen Bekannten verabschiedet zu haben. Kallaha führte die Beiden durch einen versteckt gelegenen Durchgang hinter den Thronsaal, während Link langsam hinter dem Fischwesenkrieger her schritt und Navi einen besorgten Blick zu warf. Wozu im Namen der Göttinnen brauchten sie einen Opferfisch?
    • In Lord Jabbu-Jabbu

      „Warum genau helfen wir eigentlich bei der Suche nach dieser kleinen Göre?“, flüsterte Navi, als sie in die ersten Ausläufer der Quelle stiegen. Link senkte die Stimme und blickte auf das flache Wasser zu seinen Füßen. „Weil ich davon ausgehe, dass König Zora sehr viel hilfsbereiter bei unserem eigentlichen Anliegen sein wird, wenn wir ihm seine Tochter zurück bringen.“
      Kallaha blieb vor einem flachen, aber breiten Podest stehen, das mit je einer kunstvoll geschnitzten Holzsäule in allen vier Ecken geschmückt war, und deutete die wenigen Treppenstufen herauf. „Dies ist Lord Jabbu-Jabbu. Möget Ihr ihn mit Respekt behandeln.“ Seine Stimme klang missbilligend, doch er wagte nicht die Entscheidungen seines Königs in Zweifel zu ziehen, so wie es der andere Zora zuvor getan hatte.
      Gemäßigten Schrittes bestieg Link das Podest und blickte Navi, die neben ihm flog verwirrt an. Hinter dem viereckigen Steinquader, auf dem sie sich befanden, lag ein riesiger, weißer Wal im Quellwasser und musterte sie aus runden, blauen Augen. Sein imposanter Körper war mit wunderschönen Samtgirlanden aus edlem Rot, majestätischem Blau und poliertem Gold geschmückt. Besonders der diademartige Kopfschmuck ließ Navi vor freudiger Entzückung aufseufzen.
      Doch der Junge drehte sich ein wenig irritiert um und suchte Kallahas Blick. DAS sollte Lord Jabbu-Jabbu der Schutzgeist sein? Der Zora achtete jedoch gar nicht auf ihn. Stattdessen schaute er lächelnd in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Link drehte den Oberkörper ein wenig und sah Mia mit einem noch zappelnden Fisch in den Händen auf sie zukommen.
      Die junge Zora-Frau blieb neben Kallaha stehen und lächelte ihn liebevoll an, während Link sich fragte, ob die Beiden wohl ein Paar waren, und unwillkürlich an Zelda denken musste, was ihn ein wenig zusammen zucken ließ. Dann kam Mia langsam auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Fisch in ihrer anderen Hand zappelte noch immer und kämpfte verzweifelt um sein Leben. Aus den Augenwinkeln erkannte Link, dass die Zoras Schwimmhäute zwischen ihren Fingern hatten.
      „Dieser Opferfisch wird Euch Einlass in Lord Jabbu-Jabbus Inneres gewähren. Es ist jedoch eigentlich nur zu zeremoniellen Zwecken gestattet, doch unter den gegebenen Umständen müssen wir eine Ausnahme machen. Bitte beeilt Euch dennoch. Und findet vor allem die junge Mistress.“ Mit diesen Worten legte sie den kleinen, blaugeschuppten Fisch direkt vor das Maul des großen Wals und beeilte sich, das Podest wieder zu verlassen.
      Der Junge und seine Fee sahen sich abwartend und ein wenig verwirrt an, während Lord Jabbu-Jabbu seine milchigblauen Augen auf den zuckenden Fisch vor sich richtete. Doch ansonsten passierte lange Zeit gar nichts. Der bemitleidenswerte Opferfisch wurde immer schwächer und seine Kiemenlappen hoben und senkten sich hektisch in dem Versuch die Atemorgane mit genügend Sauerstoff zu versorgen und Link fragte sich langsam, ob die Zoras ihn auf den Arm nehmen wollten, als der Wal sein riesiges Maul aufriss.
      Der Schutzgeist der Wasserwesen atmete tief ein, wobei ein gewaltiger Sog entstand, der Link von den Füßen holte. Seine Beine schnellten nach vorne und sein Oberkörper kippte nach unten, doch bevor er auf dem Boden aufschlagen konnte, sauste er waagerecht liegend durch die Luft, genau auf das Walmaul zu. Navi hielt sich panisch an seinem Gürtel fest und auch Mia und Kallaha mussten sich an eine der Säulen klammern, um nicht von Lord Jabbu-Jabbu genau wie ein Opferfisch verschluckt zu werden.
    • Link schlug hart auf der Zunge auf und rollte über die raue Oberfläche, wobei er sich mehrfach überschlug. Leicht benommen richtete er sich wieder auf und blickte sich um. Navi ließ ebenfalls ihren Blick schweifen, legte sich eine Hand an den Hals und würgte. „Das ist einfach nur widerlich.“ Zwischen zwei Backenzähnen hingen inzwischen braune Pflanzenreste, vor ihnen stürzte sich die Speiseröhre in die Tiefe und über ihnen hing die dicke rote Uvula.
      Als der leicht faulige Fischgestank an seine Nase drang, verzog Link den Mund, doch er deutete unbeeindruckt auf die Speiseröhre. „Zum Bauch geht’s wohl hier lang. Los, rutschen wir eine Runde.“ Navi schloss kurz die Augen, atmete tief durch und verkroch sich unter Links Mütze. „Das ist so schon abartig genug. Da muss ich das nicht auch noch sehen.“
      Mit Schwung warf der Junge sich in die schleimige Röhre und schoss in Richtung Magen davon. Die Flimmerhärchen strichen unangenehm über seine nackten Beine und verursachten ihm Gänsehaut, doch nach wenigen Sekunden war es auch schon wieder vorbei und er stolperte ein paar Schritte vorwärts.
      Vor ihm breitete sich die weite Landschaft des Magens aus. Die Wände hatten ein leicht gereizt wirkendes Rot und ein paar Tropfen Magensäure tropften von der Decke. Auf der gegenüberliegenden Seite erkannte Link den Zugang zum Dickdarm.
      Wenige Meter vor ihm kniete ein junges Zora-Mädchen und blickte in eines der Löcher hinab, die sich auf dem Boden des Magens befanden. Link war sich nicht sicher, wohin sie führten, doch er war auch nicht scharf darauf, es herauszufinden.
      Langsam ging er auf das Mädchen zu und berührte es zaghaft an der Schulter. Anders als die anderen Zoras hatte diese junge Dame nicht den langen, gebogenen Hinterkopf, sondern einen breiten Schädel, der ein wenig an einen Hammerhai erinnerte. Auch die flossenartigen Auswüchse an den Gelenken waren bei ihr ein wenig anders. Sie waren länger und erinnerten ein wenig an blaugeränderte Spitzenrüschchen.
      Das Mädchen drehte sich um und blickte ihn aus großen blauschwarzen Augen an, die ein wenig missbilligend wirkten. „Prinzessin Ruto?“ Links Stimme hatte einen hoffnungsvollen Unterton und er lehnte sich ein bisschen nach vorn, als das Mädchen sich aufrichtete. Doch anstatt ihm erleichtert in die Arme zu fallen, verschränkte die junge Zora die Arme vor der Brust und musterte ihren Retter abschätzig.
      „Wer will das wissen?“ Navi kroch ein Stück nach vorn und lugte unter dem Saum der grünen Mütze hervor. Link blinzelte irritiert und wich instinktiv vor dem feindseligen Blick zurück. „Ich... äh... dein Vater schickt mich. Ich soll dich nach Hause bringen.“ Bei der Erwähnung ihres Vaters wurde Rutos Blick noch eine Spur giftiger. „Danke, aber ich brauche keine Hilfe. Geh zurück und lass mich in Ruhe.“
      Dann wandte sie sich um und lief davon, wobei sie in eines der Löcher fiel, das sie übersehen hatte, und mit einem spitzen Schrei in die Tiefe stürzte. Link seufzte und blickte nach oben zu Navi, deren Haare ihm in die Stirn hingen. „Ich wollte immer schon mal Babysitter für Schwererziehbare spielen...“
      Behände sprang er dasselbe Loch hinab, durch das die Zora-Prinzessin gefallen war, und landete sacht auf einem leicht wabbeligen Untergrund. Den Gedanken daran, wo er sich jetzt befand, schob er lieber beiseite. Ruto stand ein paar Meter neben ihm und hielt sich den Kopf. Als sie ihn erblickte, funkelte sie ihn wütend an. „Ich hab dir doch gesagt, du sollest verschwinden!“ Offensichtlich hielt sie nichts von der gestelzten, übermäßig respektvollen Art zu reden, die von den restlichen Zoras gepflegt wurde.
      Link verdrehte die Augen und ging langsam auf sie zu. „Ich kann aber leider nicht ohne dich gehen.“ „Ach, und warum nicht?“ „Dein Vater macht sich Sorgen um dich. Da draußen ist die Hölle los.“ „Ist mir doch egal.“ Sie wandte sich um und wollte wieder davon laufen, schwankte aber so heftig, dass sie sich an die Wand lehnen musste.
      Sofort war Link neben ihr, um sie zu stützen, doch sie wehrte ihn unwirsch ab. „Komm mir nicht zu nahe.“ „Aber dir geht es nicht gut.“ „Was geht dich das an?“ Navi riss langsam der Geduldsfaden und sie begann die kleinen Hände immer wieder zu Fäusten zu ballen. Link seufzte und ließ die Arme hängen. „Du hast Recht. Es geht mich gar nichts an. Trotzdem mach ich mir Sorgen um dich.“ „Bist so ein verdammter Gutmensch oder was?“
      „Jetzt pass mal auf, du verwöhntes Gör! Wir haben bei den Göttinnen nun wirklich anderes zu tun, als hinter dir her zu laufen. Also beweg deinen königlichen Hintern aus diesem Wal!“ Navis silberner Glanz funkelte vor lauter Wut bedrohlich und sie durchbohrte Ruto mit bösen Blicken.
      Diese wich vor Schreck ein Stück weiter an die Wand zurück und sah ein wenig verunsichert aus, doch schon bald hatte sie ihre trotzig wirkende Maske wieder aufgebaut. „Wenn ihr etwas so viel wichtigeres zu tun habt, dann haut doch endlich ab. Ich kann hier noch nicht weg.“ Mit diesen Worten stürmte sie wieder davon und verschwand hinter einem Hautlappen.
      Link atmete tief ein, presste die Augen zusammen und massierte mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel, um seine aufwallende Wut in den Griff zu bekommen. „Vielleicht sollte ich sie einfach schnappen, sie niederschlagen und raus schleppen.“ Navi stemmte die Hände in die Hüften und presste die Lippen aufeinander. „Also MIR gefällt die Idee.“
      Als der Junge hinter den Hautlappen trat, fand er Ruto auf dem Boden liegend. Sie war an der Wand entlang hinab gerutscht, versuchte aber schon wieder auf die Beine zu kommen. Link kniete sich neben sie und beobachtete sie nachdenklich. „Was ist los mit dir?“ Sie funkelte den Jungen böse an und gab einen knurrenden Laut von sich, antwortete zu Links Überraschung jedoch: „Ich glaub, ich hab mir ziemlich übel den Kopf angestoßen, als Lord Jabbu-Jabbu mich bei der Fütterung verschluckt hat.“
      Vorsichtig befühlte Link ihren Schädel und musterte aufmerksam ihr angespanntes Gesicht. „Ist dir schwindelig?“ Sie nickte, verzog den Mund und wurde noch eine Spur blasser als sie es eh schon war. „Klingt als könntest du eine Gehirnerschütterung haben. Ich sollte dich wirklich schleunigst hier raus bringen.“
      Ruto sah ihn aus ihren großen, dunklen Augen flehend an. „Aber ich kann noch nicht gehen.“ „Warum nicht?“ Verlegen zupfte sie an einer ihrer Flossen. „Als Lord Jabbu-Jabbu mich verschluckt hat, hab ich etwas sehr wichtiges verloren – ein Geschenk von meiner Mama, mein letztes Andenken an sie. Ich muss es wiederfinden. Ich muss!“
      Resigniert seufzend blickte Link den vor ihnen liegenden Gang hinab. „Okay, ich werde es für dich finden, wenn du mir beschreibst, nach was ich suchen soll. Du bleibst hier und ich hol dich später wieder ab.“ „Nein, ich will mitsuchen!“ „Du kannst dich doch wegen deines Schwindels kaum auf den Beinen halten!“ „Dann musst du mich eben tragen.“ Überrascht riss der Junge die Augen auf und Navi kippte die Kinnlade herunter. „Bitte?“
      „Was denn? Das ist doch eine wunderbare Lösung. Ich bekomme meinen Schatz zurück und muss nicht fürchten, dass du damit durchbrennst, und du hast die Sicherheit, dass ich mich danach auch wieder nach Hause tragen lasse.“ Link schloss die Augen und fragte sich zum wiederholten Mal, in was er hier hereingeraten war. Als er die Augen wieder aufschlug, hatte er einen Entschluss gefasst. „Alles klar. Ich werd dich tragen. Halt dich an mir fest.“

      Sie waren schon seit einiger Zeit unterwegs und Link fragte sich langsam, ob er in diesem Wal enden und bei lebendigen Leib verdaut werden würde, als Ruto plötzlich begeistert aufjauchzte. „Da hinten! Sieh doch! Der Stein von meiner Mama.“
      Auf einer kleinen hügelartigen Erhöhung lag ein funkelndes Schmuckstück, das aus drei dunkelblauen, geheimnisvoll glitzernden, etwa babyfaustgroßen Edelsteinen und einer filigranen Goldfassung mit kunstvollen Verzierungen bestand. Navi keuchte auf und krallte eine Hand in Links Tunika, direkt über der Schulter. „Das ist der Ohrring der Nayru!“
      Der Junge wirbelte herum und starrte seine Fee an, während Ruto wild strampelte und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. „Bist du dir sicher?“ Navi nickte bedächtig und wurde fast von der Zora-Prinzessin erschlagen, die sich schon fast frei gewunden hatte.
      „Ruto, warte, wir müssen reden.“ Sie rutschte von Links Rücken und eilte auf den Stein zu, als der Junge nach ihrem Handgelenk griff. Sie riss ihren Arm weg, doch sie konnte ihn nicht abschütteln. „Was gibt’s denn da zu reden? Der Stein gehört mir.“ „So einfach ist es nicht...“ „Es IST so einfach.“, fauchte sie und schubste den Jungen weg, der stürzte und ihr Handgelenk loslassen musste, um den Fall abzufangen.
      Doch kaum hatte das Zora-Mädchen den wertvollen Stein an sich genommen, wurde sie plötzlich von einem langen Tentakel durch ein Loch in der Decke nach oben gerissen. Link eilte zu ihr, kam jedoch zu spät und fand sich plötzlich einem riesigen Oktopus gegenüber, der durch das Loch gesprungen war.
      Mit einem erschrockenen Aufschrei wich der Junge zurück und zog sein Schwert. Navi schoss hinter den Kraken und bewarf ihn mit ein wenig Dörrobst, das sie unbemerkt aus Links Lederbeutel entwendet hatte. Überrascht drehte der Angreifer sich um und Link trieb ihm das Schwert von hinten mitten ins Herz.
      Er stemmte einen Fuß auf den Kadaver und zog seine Waffe aus dem toten Fleisch, während er grübelnd auf der Unterlippe kaute und Navi das Dörrobst wieder einsammelte, nur um es mit einem Schulterzucken wieder weg zu werfen. Wer wollte schon Obst essen, dass schon im Inneren eines Wals gelegen hatte? Link wischte seine Klinge mit einem Zipfel seiner Tunika sauber und deutete über sich. „Wir müssen irgendwie da rauf. Ruto hat den heiligen Stein.“
    • Elektrospiele mit Barinade

      Lange Zeit stampften die Beiden ziemlich plan- und orientierungslos durch die Innereien des imposanten Meeressäugers. Mit einem grimmigen Blick auf seine Stiefel fragte Link sich, ob er das Leder je wieder von den Verdauungssäften würde reinigen können. Navi saß neben ihm und wirkte sehr blass. „Und ich hatte so sehr gehofft, wir wären hier schnell wieder raus...“
      Link knurrte eine unverständliche Antwort und zog an einigen schleimigen Pflanzenresten, an denen man wieder auf die obere Ebene klettern zu können schien. „Das arme Tier muss echt Schmerzen haben.“, dachte er laut und betrachtete die tiefrote Schleimhaut. „Diese Pflanzen hier sind eingewachsen...“
      Oben angekommen betrachtete der Junge mit vor Ekel verzogenem Mund seine Handflächen auf denen Schleim und Pflanzenreste klebten. „Ich will hier nur noch raus. Wir sollten uns beeilen.“ Navi nickte kräftig und deutete dann einen Gang hinunter. „Wenn mich mein Orientierungsvermögen nicht trügt, müssen wir in diese Richtung.“
      Mit angehaltenem Atem und unterdrücktem Würgen drückte Link sich zwischen zwei riesigen, eng beieinander liegenden Hautlappen hindurch und stolperte in einen großen, fast runden, gewölbeartigen Raum. Navi ließ ihren Blick schweifen und stieß einen unwilligen Laut aus. „Wo sind wir denn hier? In der Blase? Galle?“ „Ich hab keine Ahnung und ich will’s auch gar nicht wissen.“

      „Link!“ Der Junge wirbelte herum und entdeckte Ruto in einer Ecke des Raumes. Sie kauerte sich ängstlich zusammen und presste den heiligen Stein fest gegen ihre Brust. Vor ihr stand ein riesiges Wesen, das aussah wie zwei aufeinander geklebte, mit Quallen besetzte Kugeln. Der untere Teil war zusätzlich zu dem wabbelnden Quallenpanzer mit langen Stacheln besetzt und der obere war voller Tentakeln, die ein wenig wie schütteres Haar anmuteten.
      Navi quiekte laut auf und machte ein entsetztes Gesicht, während das eigenartige Wesen sich langsam Link näherte. „Das ist Barinade, die Herrscherin über die Elektroquallen.“ Zunächst verstand der Junge nicht, was seine Fee mit „Elektroquallen“ gemeint hatte, doch dann sah er die feinen Blitze, die um den Körper des Wesens zuckten.
      Etwas kratzte an seinem Bewusstsein, doch er hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn Barinade schleuderte ihm eine ihrer durchsichtigblauen Quallen entgegen. Geschickt tänzelte er aus dem Weg und hieb mit dem Schwert auf das schwabbelige Tier ein – ein Fehler. Sofort schoss der Stromstoß durch das Metall der Klinge und röstete Link an Ort und Stelle.
      Er schrie vor Schmerzen auf und ließ seine Waffe fallen. Sein Schwertarm fühlte sich plötzlich taub an und kleine Sternchen tanzten vor seinen Augen. Navi nahm sein Gesicht in die Hände und blickte ihm besorgt von einem Auge ins nächste. Benommen schüttelte er den Kopf, um wieder voll da zu sein.
      Als eine erneute Attacke kam, ward Link sich auf den Boden und rollte sich ab, wobei er sein Schwert wieder aufsammelte, das er sofort in die Scheide steckte. Was sollte er mit einem Schwert, wenn er sich damit höchstens selbst verletzte? Er brauchte dringend eine Waffe, die keine Elektrizität weiter leitete. Kurz überlegte er, ob es etwas bringen würde, wenn er sich mit dem harten, trockenen Hals der Deku-Pirania, der ihm schon im Deku-Baum als Fackel gedient hatte, verteidigen würde, als ihm etwas goldenes ins Auge stach.
      Neben der halbverwesten Leiche eines Zorakriegers lag ein goldener, mit roten und grünen Edelsteinen verzierter Bumerang. Schnell stürzte Link darauf zu und riss ihn gerade rechtzeitig an sich, um mit einem gezielten Wurf einen weiteren Angriff abzuwehren. Die scharfkantige Wurfwaffe zeriss die dünne Haut der Qualle und ließ ihren Körper wie eine Seifenblase platzen.
      In vollem Tempo jagte der Junge rund um Barinade, wich geschickt ihren Angriffen aus und riss ihre Quallenrüstung Stück für Stück mit dem Bumerang auseinander. Zu seinem Glück schien das riesige Wesen nicht besonders intelligent zu sein, doch nachdem er auch noch die letzte Qualle niedergestreckt hatte, schien es richtig wütend zu werden. Elektroblitze schleudernd kam es mit einem wild drehenden Unterleib auf den Jungen zu und versuchte, ihn mit seinen langen, scharfen Stacheln in Stücke zu reißen.
      Link versuchte auszuweichen, stieß jedoch nur mit dem Rücken gegen die rückwärtige Wand. Verzweifelt warf er mit dem Bumerang nach der Angreiferin, doch dieser verhakte sich nur zwischen den langen, stahlharten Auswüchsen. Navi schrie auf und sah ihren Schützling bereits als ein kleines Häufchen Hackfleisch enden. Von dem unerwarteten Aufschrei irritiert, hielt Barinade kurz inne, was ihr Todesurteil war. Sofort stieß Link sich von der Wand ab und trieb ihr sein Schwert mit voller Wucht immer und immer wieder tief in den Leib.
      Barinade wich trudelnd zurück und Link schickte sich bereits an, ihr mit weiteren Attacken nachzusetzen, als sich plötzlich dicke, dunkelrote Quasten auf ihren Tentakeln bildeten. Die eitrig aussehenden Auswüchse verbreiteten sich in Windeseile über den gesamten Körper, bis sie ihn vollständig bedeckt hatten. Link ging langsam auf Barinade zu und klopfte mit der Schwertspitze gegen einen der schorfigroten Knubbel, was diesen zum Platzen brachte.
      Link wurde mit grünlichem Schleim bespritzt und wich angeekelt zurück, doch er war nicht schnell genug. Mit lautem Knacken rissen auch die anderen Geschwüre auf und bedeckten den gesamten Raum mit diesem glibberigen Eiter. Link wischte sich angewidert guckend übers Gesicht und warf einen Blick auf die Stelle, an der Barinade zuletzt gestanden hatte. Offensichtlich hatten die aufplatzenden Quasten ihren Körper in seine Einzelteile zerrissen.
      Navi entfernte ein wenig Schleim von ihrer Schulter und flog auf Link zu. „Stahlallergie. Sie kommt sehr selten vor, kann aber sehr tödlich verlaufen, wie man sieht.“ Der Junge blickte müde zu ihr herauf. „Ehrlich gestanden ist mir egal, an was sie gestorben ist. Alles, was ich will, ist ein Bad.“ Die Fee lächelte milde und sah ihn verständnisvoll an. „Das hast du auch bitter nötig. Aber sieh mal, da hinten ist der Bumerang gelandet. Ich denke, wir sollten ihn mitnehmen. Sein Besitzer braucht ihn eh nicht mehr und so eine Wurfwaffe ist echt praktisch.“
      Schnell steckte Link die neue Waffe in seinen Lederbeutel und ging dann auf Ruto zu, die sich die ganze Zeit über nicht von der Stelle bewegt hatte. Navi saß auf seiner Schulter und kontrollierte ihre Fingernägel. „Weißt du was? Ich bin richtig stolz auf dich. Du kämpfst langsam richtig gut. Dieses Mal war es gar nicht so knapp wie sonst, dass du lebend aus dem Kampf heraus gekommen bist.“ Link grinste und warf ihr einen Blick zu. „Ich glaub, ich gewöhn mich langsam an die Heldennummer.“
      Ruto wimmerte leise und wiegte sich sachte vor und zurück, als Link sich neben sie kniete und ihr eine Hand auf die Schulter legte. Sie wandte den Kopf und sah ihn aus panischen Augen an, doch als er ihr aufmunternd zulächelte, fegte sie mit wütender Miene seine Hand weg. „Warum hat das so lange gedauert?“ Dem Jungen kippte die Kinnlade herunter und war für einen Moment sprachlos. Doch als er seine Stimme wiederfand, schluckte er die bissigen Kommentare, die ihm auf der Zunge lagen, herunter und hielt ihr stattdessen seine Hand hin, um ihr aufzuhelfen.
      Trotz des glibberigen Schleims, der ihn über und über bedeckte, lehnte Ruto sich gegen ihn, als ob sie nicht alleine stehen konnte. Anscheinend war ihr noch immer schwindelig. Link blickte sich zur Orientierung kurz im Raum um und wandte sich dann an seine beiden Begleiterinnen: „Wir haben jetzt zwei verschiedene Routen zur Auswahl. Entweder wir machen uns an den schwierigen Aufstieg durch die Speiseröhre oder wir nehmen den einfacheren Weg durch den Darm.“ Ohne auch nur einen Blick zu wechseln, riefen Ruto und Navi gleichzeitig: „Speiseröhre!“
    • Ein Traum wird wahr

      Wieder im Maul angekommen, versuchte Link den Kiefer des gewaltigen Wals aufzustemmen, während Ruto ihn mit einem amüsierten Ausdruck in den Augen beobachtete. Navi flog neben ihr in der Luft und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Ich glaube, das hat keinen Sinn.“ Keuchend stützte der Junge sich auf den Griff seines Schwertes, dessen Klinge zwischen zwei breiten Backenzähnen des Wals steckte. „Willst du lieber doch durch den Darm laufen?“
      Die Fee verzog das Gesicht, doch Ruto lachte nur. „Ich glaube, das wird nicht nötig sein.“ Langsam stand sie auf, stützte sich kurz an der Wand ab, während sie wartete, dass der Schwindel abflaute, und ging ein wenig unsicher auf einen der Backenzähne zu. Sie warf Link ein strahlendes Lächeln zu und klopfte gegen den Zahn, woraufhin sich der Unterkiefer plötzlich senkte.
      Als sie endlich wieder an die frische Luft traten, atmete Link zunächst einmal tief durch und genoss es, endlich wieder Luft zu atmen, die nicht nach fauligem Fisch roch. Ruto ließ ihren Blick an seinem Körper hinab gleiten und schubste ihn grinsend vom Podest. Mit einem lauten Platschen landete er an einer tieferen Stelle im kühlen Nass und schnappte überrascht nach Luft. Nur einen Augenblick später glitt Ruto neben ihm ins Wasser und schwamm um ihn herum.
      Fasziniert beobachtete der Junge mit welcher Eleganz die junge Zora sich durch das nasse Element bewegte, während diese seine bewundernden Blicke sichtlich genoss. Link atmete tief ein und tauchte hinter Ruto her, der man ihre Gleichgewichtsprobleme im Wasser nicht mehr anmerkte. Als er wieder Luft holen musste, stach ihm die flach am Himmel stehende Morgensonne in die Augen.
      „So siehst du gleich schon wieder viel besser aus.“ Ruto tauchte hinter dem Jungen auf, der erfreut feststellte, dass das kurze Bad den ekeligen, grünen Schleim von seinem Körper gewaschen hatte. „Weshalb wolltest du eigentlich mit mir über den Stein von meiner Mama reden?“
      Link kletterte auf einen breiten Ast einer in der Nähe wachsenden Trauerweide und half dem Zora-Mädchen, sich neben ihn zu setzen. Ruto machte es sich bequem und musterte ihn neugierig, während er überlegte, wie er ihr die Dringlichkeit seines Anliegens am besten schildern konnte.
      In kurzen Sätzen fasste er den Verdacht zusammen, den Zelda und er Ganondorf gegenüber hegten, und erklärte ihr, weshalb er das Andenken an ihre Mutter unbedingt brauchte. Gedankenverloren spielte Ruto mit dem sonnenblumenblütengroßen Schmuckstück und drehte es zwischen ihren Händen.
      Als sie zu sprechen begann, hatte ihre Stimme einen verträumten Unterton angenommen: „Der heilige Stein des Wassers hat bei uns Zora eine traditionelle Bedeutung, weißt du?“ Sie warf Link, der geduldig darauf wartete, dass sie fortfuhr, einen Seitenblick zu. „Wir nennen ihn den Königinnenstein, denn er ist eine Art Verlobungsring von uns Zoras und wird bei der Hochzeit von der angehenden Königin als Kettenanhänger getragen.“ Link blickte an seinen Füßen vorbei aufs Wasser. Dass er Ruto so etwas wertvolles nehmen musste, war ihm unglaublich unangenehm.
      Sie nahm jedoch mit einem liebevollen Lächeln seine Hand und drückte sie sanft. „Weißt du was? Ich gebe ihn dir. Du hast ihn dir verdient.“ Sachte legte sie ihm den heiligen Stein in den Schoß und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Überrascht riss der Junge den Kopf herum, doch die Prinzessin war bereits vom Ast gesprungen und tauchte gerade grazil ins Wasser ein. Die Worte „Aber sag’s nicht meinem Daddy.“ hingen noch in der Luft.

      Mit einem glückseligen Lächeln verstaute Link den letzten heiligen Stein in seinem Beutel und schickte sich an, zurück zur Zora-Höhle zu schwimmen, als Navi wie angewurzelt in der Luft stehen blieb. „Was hast du?“ Der Junge strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht und beobachtete sie, wie sie sich mit lang gestrecktem Hals umschaute. „Hier ist eine große Fee in der Nähe. Ich spüre das.“
      Nach einigem Suchen entdeckten die Beiden eine Felswand, in die seltsame Zeichen geritzt waren. Navi legte den Kopf schief und fuhr mit den Fingern die Linien entlang. „Das ist Feenschrift.“ Glitzernde Wassertropfen fielen aus Links Haar und seiner Kleidung, als er neben sie trat. „Und was steht da?“ „Fürchtet den Zorn der Din.“ Link grinste schief und holte eine Bombe hervor. „Sieht aus als hätten wir gefunden, nach was wir gesucht haben.“
      Die Höhle, die sich durch die Explosion öffnete, sah genauso aus wie die Beiden es erwartet hatten: blaufunkelnde Wände, grünleuchtende Fackeln und ein flacher, marmorner Brunnen. Durch den Klang des königlichen Wiegenlieds angelockt, erschien von dem schon bekannten schrillen Lachen begleitet die hier lebende große Fee. Wie bereits erahnt war diese dritte Fee den beiden ersten wie aus dem Gesicht geschnitten.
      Sie musterte Link und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel. „Was kann ich für dich tun, junger Recke?“ Dieser stutzte ein wenig und warf Navi einen verlegenen Blick zu. Ja, was wollten sie hier eigentlich? Plötzlich begann die Feenkönigin zu lachen. „Schon gut, mein Lieber. Ich weiß, weshalb du hier bist.“ Mit diesen Worten streckte sie den Arm aus und öffnete die Hand.
      Knapp über ihre Handfläche schwebte etwas, das aussah wie Dins Feuerinferno, doch statt eines Feuerwirbels pulsierte ein Knäuel aus zuckenden Blitzen in der Mitte des eigenartigen, durchsichtigen Gehäuses. „Dies ist Farores Donnersturm, ein sehr wirkungsvoller Fluchtzauber.“ Navi gab einen amüsierten Laut von sich und grinste breit. „Na super! Der mächtigste Zauber der Göttin des Mutes verhilft einem zur FLUCHT?!“
      Die Feenkönigin lächelte mild. „Manchmal erfordert es eben mehr Mut, sich einzugestehen, dass man sich zurückziehen muss.“

      Wenige Minuten später durchquerten die beiden Abenteurer den Thronsaal in der Zora-Höhle. Ruto stand von vielen Zoras umringt in der Mitte und winkte Link lächelnd zu. Die anderen Fischwesen nahmen den Jungen gar nicht wahr, sie waren zu sehr damit beschäftigt, ihrer Prinzessin Fragen zu stellen.
      Doch als Link in der Vorhöhle stand und darauf wartete, dass das Steindach vollständig ausgefahren wurde, berührte ihn jemand an der Schulter. Erschrocken wirbelte er herum und blickte in Kallahas schwarze Augen. Das Gesicht des Zora hatte wie immer leicht grimmige Züge, doch er klopfte dem überraschten Jungen in einer freundschaftlichen Geste gegen den Oberarm. „Habt Dank dafür, dass Ihr unsere Prinzessin gerettet habt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Zweifel hatte, ob wir Euch trauen können und ob Ihr einer so großen Aufgabe gewachsen seid. Doch ich sehe mit Verzücken, dass Ihr mich eines Besseren belehrt habt.“
      Mit einem erfreuten Glänzen in den Augen und einem offenen Lächeln auf den Lippen nahm der Junge die kühle Hand seines Gegenübers in seine. „Danke, Kallaha. Ich weiß, wie gerne du uns bei Rutos Rettung begleitet hättest.“ Der Zora-Krieger verzog ein wenig missbilligend den Mund, als Link seine Prinzessin einfach nur beim Vornamen nannte, behielt sein Missfallen aber für sich. „Ich hoffe, wir haben bald wieder die Ehre, Euch bei uns willkommen zu heißen.“ Link versicherte ihm, in absehbarer Zeit wieder vorbeizuschauen, und nickte Mia zu, die am anderen Ende des Ganges auftauchte und winkte.

      Während Link von Navi begleitet am Zora-Fluss entlang ging, brauten sich an dem strahlendblauen Himmel langsam tiefdunkle Wolken zusammen und verdeckten die Mittagssonne. Der Wind frischte auf und fegte jaulend durch die enge Schlucht, durch die der Fluss floss. Der Junge gähnte herzhaft und streckte sich. „Oh, bei den Göttinnen... Ich bin so müde! Ich glaub, ich könnte Tage durchschlafen.“ Navi lächelte ihn verständnisvoll an, stichelte aber dennoch ein wenig: „Jetzt mach bloß nicht auf den letzten Metern schlapp – auch wenn dir das ähnlich sähe.“
      Als die Beiden die hylianische Steppe erreichten, wurde das Unwetter um sie herum immer heftiger. Geradeso als hätte jemand die Himmelsschleusen geöffnet, prasselten plötzlich dicke Regentropfen aus den kohlrabenschwarzen Wolken und weichten den Boden auf. Das Regenwasser blieb in Links langen Wimpern hängen, wo sie sein Blickfeld ein wenig verzerrten, und drangen durch die Maschen seiner Kleidung.
      Navi kroch unter seine Mütze und krallte ihre Fäuste in seinem Haar fest, als ein gewaltiger Donner über die Ebene hallte. Sich gegen den starken Wind lehnend kämpfte Link sich in Richtung Hyrule-Stadt. „Das ist genau wie in meinem Traum!“, schoss es ihm durch den Kopf und Panik trieb ihn immer weiter voran, während das Gewitter immer heftiger tobte.
      Ein in der Nähe des Stadttores stehender Baum ging laut knisternd in Flammen auf, als ein grellgelber Blitz mit einem heftigen Knall in ihn einschlug, doch Link achtete gar nicht darauf. Sein Blick war wie paralysiert auf die hochgezogene Brücke gerichtet. Bevor sein Verstand ganz erfassen konnte, was er dort sah, bewegte sich der Brückenmechanismus und die schweren Bretter fielen herab.
      Wie in seinem Traum jagten Impa und Zelda auf dem Rücken eines edlen Schimmels an ihm vorbei. Die junge Prinzessin wandte den Kopf und sah Link mit einem flehenden Blick an, in dem eine leichte Bitte nach Vergebung lag. Der Junge starrte ihr verzweifelt nach, als sie ihm plötzlich etwas zuwarf, das mit einem leisen Platschen im Schlossgraben landete.
      Der Schimmel verschwand hinter der nächsten Hügelkette und Link schluckte hart. Er ahnte, was auf ihn zu kam. Dennoch zuckte er zusammen als der dämonische Rappe in seinem Rücken schnaubte. Wie in Zeitlupe drehte er sich um und schaute zu Ganondorf hinauf, dessen Gesicht angespannt wirkte. „Verdammt, sie sind weg.“ Es war das erste Mal, dass Link seine tiefdunkle, leicht raue Stimme hörte, und es lief dem Jungen kalt den Rücken herunter.
      Langsam wandte der bedrohlich wirkende Mann ihm das Gesicht zu. „Hey, du da, Kleiner. In welche Richtung ist das Pferd verschwunden, das hier vorhin vorbei gekommen ist?“ Link wich ängstlich zurück, unfähig zu antworten. Sogar Navi hatte es die Sprache verschlagen, sie saß stocksteif in der langen, grünen Mütze. Ganondorf durchbohrte den verängstigten Jungen mit stechenden Blicken und wartete stumm.
      Mit zitternden Händen holte Link die Okarina heraus, die Salia ihm geschenkt hatte. Er wollte sich einfach an etwas festhalten, das ihm vertraut war und Kraft gab. Was wäre da passender gewesen als sein Andenken an seine beste Freundin, die ihm so oft den Rücken gestärkt hatte. Ganondorf zog ungeduldig eine Augenbraune in die Höhe und kratzte sich an der imposanten Hakennase, während sein furchteinflößendes Reittier nervös mit den Hufen scharrte. „Was ist denn nun, Kleiner? Bist du stumm?“
      Endlich schluckte Link seine lähmende Angst herunter und zog mit der freien linken Hand sein Schwert. Er musste um jeden Preis verhindern, dass dieser Dämon Zelda verfolgte. Der Gedanke, was er womöglich alles mit ihr anstellen könnte, wenn er sie erwischte, machte Link rasend vor Wut und er wappnete sich innerlich für einen Kampf, den er vermutlich nicht würde gewinnen können.
      „Was hast du vor?“ Navis Stimme klang panisch, doch sie ging in Ganondorfs lautem Gelächter unter. Seine roten Haare wurden von dem Sturm wild hin und her gerissen, sodass sie aussahen wie unbezähmbares Feuer. „Du bist wirklich mutig, Kleiner.“ Seine Lippen formten ein maliziöses Grinsen, das Link ein paar Schritte zurückweichen ließ. „Aber Mut kann manchmal tödlich sein.“
      Mit diesen Worten schleuderte der Gerudo dem Jungen einen Energieball entgegen, der diesen mit der Wucht eines gut gezielten Kinnhakens traf und von den Füßen schlug. „Wenn du dich mir noch einmal in den Weg stellst, wirst du nicht so glimpflich davon kommen.“ Benommen rappelte Link sich wieder auf, doch Ganondorf galoppierte bereits in Richtung Hügelkette davon. Auf dem Weg lagen die Scherben seiner tönernen Okarina, die er bei der Attacke verloren hatte und dann von einem gewaltigen Huf von Ganondorfs Rappen zertrümmert worden war.
    • Das Zeitportal

      Lange Zeit blickte Link dem davon sprintenden Pferd hinterher, während der prasselnde Regen langsam abflaute. „Meinst du, er erwischt die Beiden noch?“ Navi kroch aus seiner Mütze und schaute besorgt zu ihm herab. Mit angespannt aufeinander gepressten Lippen schüttelte er den Kopf, wobei ihm ein Wassertropfen von den Wimpern ins Auge lief. Blinzelnd sah er noch immer in Richtung Hügelkette. „Ich hab keine Ahnung. Ich hoffe wirklich, sie können ihm entkommen.“
      Am weit entfernten Horizont riss die Wolkendecke auf und vereinzelte Sonnenstrahlen tanzten über die Steppe. Navi wandte sich in Richtung Hyrule-Stadt und deutete auf den breiten Graben. „Was hat Zelda dir eigentlich zugeworfen?“ Link drehte sich um und ging langsam auf das Gewässer zu. „Das lässt sich doch leicht herausfinden.“
      Ohne zu Zögern sprang er in den Graben und tauchte nach dem kleinen, dunkelblauen Gegenstand, der mehrere Minuten zuvor an seinem Kopf vorbei geflogen war. Als er wieder auftauchte, tröpfelte der Regen nur noch zaghaft aus den Wolken und die Sonne kämpfte sich an immer mehr Stellen ihren Weg frei.
      „Was ist es? Was ist es?“ Die Fee schlug aufgeregt mit ihren schillernden Flügeln und musterte Link genau, der mit einem seltsamen Blick auf die kläglichen Überreste von Salias Okarina schaute, als er aus dem Graben krabbelte. Ein tiefer Schmerz machte sich auf seinem Gesicht breit und er schloss die Augen, als er den Arm ausstreckte und die Hand öffnete, um Navi sehen zu lassen, was Zelda ihm hatte zukommen lassen.
      Auf seiner Handfläche balancierte er eine nachtblauglasierte Okarina mit einem silbernen Mundstück und einem goldenen Triforce-Emblem. Sie war fast doppelt so groß wie das kleine Exemplar von Salia, das Ganondorfs Pferd kaputt getreten hatte, und das Sonnenlicht brachte ein sonderbares Funkeln in der Glasierung hervor. Navi schlug sich die Hände vor den Mund und keuchte auf: „Die Okarina der Zeit!“
      „Was?“ Er blickte aus großen, rot geränderten Augen zu ihr hoch. „Das ist die Okarina der Zeit, Link. Das ist das vermutlich mächtigste Artefakt aus dem Besitz der Königsfamilie. Zelda muss dir wirklich sehr vertrauen.“ Nachdenklich drehte der Junge das edle Musikinstrument zwischen seinen Händen. „Das bedeutet, wir können das Portal zum Heiligen Reich öffnen!“
      Navi nickte bedächtig und blickte in Richtig Stadtzentrum. „Ja. Ich bin mir sicher, genau deswegen hat Zelda dir die Okarina zugeworfen. Sie hofft darauf, dass du allein zu Ende bringst, was ihr angefangen habt.“ Dann richtete sie ihren Blick auf Link, dem noch immer vereinzelte Wassertropfen über die Arme liefen. „Du musst ins Heilige Reich gehen und das Triforce finden, um mit seiner Macht Ganondorf aufzuhalten.“
      „Ich weiß. Zelda glaubt an mich, ich darf sie nicht enttäuschen. Aber hast du eine Ahnung, wo sich das Portal befindet?“ Die Fee wiegte grübelnd den Kopf hin und her. „Ja, ich glaube, ich weiß es. Man nennt den Zugang zum Heiligen Reich auch das Zeitportal und hier in Hyrule befindet sich die Zitadelle der Zeit. Möglicherweise finden wir dort, was wir suchen.“ „Alles klar.“ Link nickte und warf einen letzten wehmütigen Blick auf die Trümmer von Salias Okarina.

      Die Zitadelle der Zeit war ein riesiges Gebäude aus hellem, cremefarbenen Stein mit schmalen, kunstvoll gehauenen Verzierungen. Ihr Inneres bestand aus einem einzigen, abwechselnd mit weißem und schwarzem Marmor ausgelegten Raum. Wenige Schritte vor dem Eingang war eine ähnliche Bodenplatte wie Link sie schon auf der Lichtung in den Verlorenen Wäldern gesehen hatte. Doch anstatt eines dreistrudeligen Zeichens war auf dieser ein rundes Ornament mit jeweils drei sich abwechselnden Dreiecken und Kreisen abgebildet. Auf der anderen Seite des langen Raumes ragte ein steinerner Altar in die Höhe.
      Links Schritte hallten von den Wänden wider, als er durch die totenstille Zitadelle ging. Auf dem Altar waren drei flache Vertiefungen und eine Inschrift zu finden: „Derjenige, der die drei heiligen Steine in der Hand hält, nehme die Okarina der Zeit und spiele die Hymne der Zeit.“
      Nachdenklich kratzte Link sich am Hinterkopf und sah Navi hilfesuchend an. „Die Hymne der Zeit? Ich hab gedacht, ich flöt einfach ein bisschen auf der Okarina rum und gut ist.“ Die Fee zuckte die Schultern und machte ein ratloses Gesicht. „Na ja, ich fang einfach mal an. Vielleicht kommt mir die Erleuchtung ja noch.“
      Geradezu zärtlich platzierte der Junge Kokiri-Smaragd, Goronen-Opal und Zora-Saphir in die dafür vorgesehenen Einbuchtungen und nahm die Okarina der Zeit zur Hand. „Vielleicht heißt das Wiegenlied ja eigentlich ‚Hymne der Zeit’?“, überlegte der Junge und wollte die Flöte an die Lippen heben, als ihm ein gefaltetes Stück Papier auffiel, das im Mundstück des Musikinstruments steckte.
      „Wenn du das hier liest, dann bin ich schon weit weg an einem unbekannten Ort. Ich wollte auf dich warten, doch Impa drängte auf eine Flucht, denn Ganondorf scheint unsere Pläne zu erahnen. Gerne hätte ich dir dieses Lied selbst beigebracht, doch ich musste fort. Ich hoffe, du kannst Noten lesen. Zelda. P.S.: In Gedanken bin ich bei dir.“
      Unter den handgeschriebenen Zeilen waren Notenlinien und eine kurze Notenabfolge aufgemalt. Mit einem knurrenden Laut ließ Link den Zettel sinken und sah Navi frustriert an. „Was hast du?“ „Die Hymne der Zeit ist ein anderes Lied. Zelda hat es hier aufgeschrieben, aber ich kann keine Noten lesen!“
      Die Fee hob beschwichtigend die Hände und ließ sich auf dem Altar nieder. „Lass mich mal sehen.“ Nach ein paar Herzschlägen breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Was würdest du eigentlich ohne mich machen?“ Verwirrt zog Link die Augenbraunen zusammen, doch bevor er etwas sagen konnte, stimmte Navi eine wunderschöne, sakrale Melodie an.
      Nachdem er einen Moment staunend gelauscht hatte, schloss der Junge die Augen und prägte sich die Tonabfolge ein. Dann hob er die Okarina an die Lippen und ließ das geheiligte Instrument erklingen. Die Hymne der Zeit perlte durch die Zitadelle und hallte von den Wänden wider, bis die Melodie voll und satt klang, obwohl nur ein einziges Instrument benutzt wurde.

      Das gläserne Triforce in der Wand hinter dem Altar begann golden aufzuleuchten und die steinernen Torflügel des Zeitportals begannen sich mit einem schleifenden Geräusch zur Seite zu bewegen. Link ließ die Okarina sinken und tauschte aufgeregte Blicke mit Navi aus, die zwischen Goronen-Opal und Zora-Saphir stand.
      Ohne darauf zu warten, dass sich die Türen ganz öffneten, verstaute der Junge das Instrument und quetschte sich zwischen den massiven Steinplatten hindurch. „Warte auf mich!“, rief Navi, die den Anschluss verpasst hatte, und vor lauter Eile beinah über ihre eigenen Füße stolperte, als sie über den Altar lief.
      Hinter dem Portal befand sich eine große, runde Halle, deren Boden treppenartig anstieg. Auf der obersten Stufe befand sich ein rechteckiger Stein mit Triforce-Emblem, in dem ein prächtiges Schwert mit glänzender Klinge und einem lilaschimmernden Griff, der sich wie Flügel zu beiden Seiten ausstreckte. Als Navi zu Link aufschloss, stockte ihr der Atem.
      „Ich glaub, ich werd verrückt! Link, weißt du, was das ist?“ Der Junge schüttelte den Kopf und ging langsam auf die edel wirkende Waffe zu. „Das ist das Master-Schwert. Der Legende nach wurde es von den Weisen höchstpersönlich geschmiedet und von den Göttinnen gesegnet und besitzt nun die Macht, Böses zu bannen. Außerdem heißt es in den Erzählungen, dass der Herr der Zeiten, der größte aller Helden, diese Waffe einst geführt hat.“
      „Der Herr der Zeiten?“ Link betrachtete fasziniert sein verzerrtes Spiegelbild in der eleganten Schneide. „Ja. Vor Äonen von Jahren soll Hyrule von tiefer Finsternis überrollt worden sein und nur der Herr der Zeiten war dazu in der Lage, es zu retten. Seitdem wird seine Seele angeblich immer und immer wieder wiedergeboren, um über das von den Göttinnen geschaffene Land zu wachen. Ich nehme an, deswegen nennt man ihn den Herr der Zeiten.“
      „Vermutlich ist sein Schwert das Letzte, was den Zugang zum Heiligen Reich sichert.“, mutmaßte Link, der seine Hand über den glatten Griff gleiten ließ. „Gut möglich. Es heißt, nur ein Mensch, der reinen Herzens ist, könnte das Master-Schwert aus dem Zeitfels ziehen. Also los. Sei nicht so feige und versuch’s.“
      Junge und Fee tauschten letzte Blicke aus, bevor er sich vor die majestätische Klinge stellte, die fast genauso lang wie er groß war. Link stemmte die Füße gegen den massiven Stein und zog mit aller Kraft an dem polierten Griff der Waffe. Leichter als erwartet ließ diese sich aus dem so genannten Zeitfels ziehen und Link grinste begeistert seine Fee an, als ihm plötzlich eine Art Stromstoß in die Glieder fuhr und ein helles Licht aus dem Schlitz im Stein drang.
      Das blendend weiße Licht hüllte Link ein, während er mit dem Master-Schwert in der Hand zusammenbrach. Alle seine Gliedmaßen schienen vollkommen taub zu sein. Plötzlich hörte er hinter sich ein gespenstisches, dunkles Lachen.
      „Gut gemacht, Kleiner. Ich wusste, ich würde Prinzessin Zelda nicht brauchen. Es war so viel einfacher, dir zu folgen. Ich war mir sicher, dass du den Zugang zum Heiligen Reich öffnen würdest. Ich muss dir danken.“ Wegen des grellen Lichts konnte der Junge nicht erkennen, wo der Mann stand, doch er hörte an der Stimme deutlich, wer ihm gefolgt war: Ganondorf!
      Er wollte aufstehen und sich mit einem wilden Kampfesschrei auf den Gerudo stürzen, aber er konnte sich kein Stück rühren. Es war als bestünde sein Körper plötzlich nur noch aus Watte. Trotzdem versuchte er mit aller Macht, sich auf die Füße zu stemmen, als seine Lider schwer wurden. Verzweifelt versuchte er dagegen anzukämpfen, doch sein Kopf fiel mit einem dumpfen Geräusch auf seinen ausgestreckten Arm. Unter halb geschlossenen Lidern hinweg sah er, wie Ganondorf noch immer lachen an ihm vorbei ging. Dann wurde die Welt um ihn herum schwarz.
    • Kapitel 3 – Die sieben Weisen



      Erwachen

      Wirre Bilder wirbelten unaufhaltsam durch Links Geist: Salia, die mit Panik in den Augen vor irgendetwas davon lief, Ganondorf, der mit blutigen Händen wahnsinnig lachend auf einem Balkon stand, unter dem ein wildes Feuer flackerte, Zelda, die in Ketten gelegt und blutend in einem Kerker lag und vieles mehr. Ein Teil seines Bewusstseins wusste, dass all dies nur Produkt seiner Phantasie war und er nur aufzuwachen brauchte, um die Bilder verschwinden zu lassen, doch er war vollkommen unfähig, sich zu bewegen oder die Augen aufzuschlagen.
      Nach einiger Zeit änderten sich die kurzen Filme, die ununterbrochen vor seinem geistigen Auge abliefen. Er sah zunehmend Personen, die er nicht kannte und trotzdem das Gefühl hatte, sie wiederzuerkennen. Immer wieder tauchten Filmfetzen von gewaltigen Schlachten, die er nie geschlagen hatte, auf, in denen er sich selbst sah, wie er mit dem Master-Schwert in der Hand wie ein Berserker eine Schneise durch die angreifenden Monster schlug.
      Das letzte Bild, das er sah, war Zelda, die über dem Körper eines kräftigen, jungen Mannes kniete und bitterlich weinte. Es war nicht wirklich Zelda - diese Frau war erwachsen und sah mit ihren katzengrünen Augen und den langen, blassroten Haaren völlig anders aus -, doch er erkannte sie dennoch als das Mädchen, in das er sich verliebt hatte. Verliebt? Ein anderer Teil seines Geistes zuckte bei diesem Gedanken kurz zusammen, wurde aber von dem immer weiter laufenden Film einfach zur Seite geschoben.
      Zelda strich dem jungen Mann in ihren Armen ein paar wirre, schwarze Strähnen aus dem Gesicht, das voller Blut war. Er hustete und ein weiteres rotes Rinnsal lief seinen Mundwinkel hinab. Heftig schluchzend legte Zelda ihre Stirn an die des Mannes und flüsterte: „Oh bitte, verlass mich nicht. Du darfst mich nicht verlassen, hörst du? Verlass mich nicht, Link.“ Irritation schwappte durch den tauben Geist des Jungen, doch er war nicht fähig sein Bewusstsein auf etwas anderes zu richten als auf die Bilder vor seinem geistigen Auge.
      Der tödlich verwundete, schwarzhaarige Mann hob seine blutbefleckte Hand und strich der jungen Prinzessin über die Wange. „Weine nicht um mich, Zelda. Ich hab das Heilige Reich versiegelt. Hyrule ist wieder sicher. Und wir zwei...“ Er spuckte einen weiteren Schwall Blut und Zelda hatte deutliche Schwierigkeiten ein erneutes Schluchzen zu unterdrücken. „Wir zwei werden uns wiedersehen.“
      Dann fielen ihm die Augen zu und er hauchte sein Leben aus. Die rothaarige Zelda biss sich mit schmerzerfülltem Gesicht auf die Unterlippe, bevor sie dem Toten in ihren Armen einen Kuss auf die Stirn hauchte und aufstand. An einem massiven steinernen Tor blieb sie stehen und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Leb wohl, Herr der Zeiten.“ Sie warf einen letzten wehmütigen Blick auf das Master-Schwert im Zeitfels und eilte aus der Zitadelle, während sich hinter ihr das Portal zum Heiligen Reich schloss.

      „Wach auf, Link!“ Er fühlte wie seine Augenlider zu flattern begannen und seine Finger unkontrolliert zuckten. Endlich! Er war wieder in der Lage sich zu bewegen. Blinzelnd schlug Link die Augen auf. Er lag auf einem kühlen, glatten Boden, der aussah als würde ein blaugefärbter Fluss unter Kristallglas hindurch fließen. Irgendwo in der Nähe meinte er sogar Wasser tropfen zu hören. Navi stand mit schwimmenden Augen vor seinem Gesicht und presste sich eine ihrer kleinen Fäuste gegen den Mund, um zu verhindern, jeden Augenblick los zu weinen.
      „Steh auf, junger Held.“ Langsam kam Link auf die Beine. Sein Kopf fühlte sich schwer an und seine Glieder waren noch immer ein wenig steif. Ein leichter Schwindel erfasste ihn und er schien nichts um sich herum scharf in den Fokus zu kriegen. Die ganze Welt war eine wabbelige, sich drehende Masse aus verschiedenen Blautönen, Grau und bedrohlich wirkendem Schwarz. Einzig der dicke orangegelbliche Fleck ihm gegenüber schien etwas Farbe an diesen seltsamen Ort zu bringen.
      Er blinzelte und konzentrierte sich auf diesen Farbklecks, nur um festzustellen, dass es ein alter, in Orange gekleideter Mann mit weißem Haar und ebenso hellem Bart war. Langsam wurde sein Blick immer klarer und er erkannte, dass er sich in einer Halle befand, die so riesig war, dass er von seiner Position aus keine der Wände sehen konnte, sie lagen im Dunkeln. Rings um ihn herum waren verschiedenfarbige Bodenplatten mit seltsamen Emblemen. Auf der gelben Platte stand der alte Mann und musterte ihn genau.
      „Wie es aussieht, bist du jetzt wieder ganz bei dir.“ Link nickte, er war sich nicht sicher, ob ihm seine Stimme schon gehorchen würde. „Hör mir zu, junger Held. Die Zeit drängt. Als du das Zeitportal geöffnet hast, drang Ganondorf in das Heilige Reich ein und riss das Triforce an sich.“ Schamesröte machte sich auf Links Wangen breit und er blickte beschämt zu Boden.
      „Wir alle wissen, dass du das Portal nur mit besten Absichten geöffnet hast, doch es macht keinen Sinn, die Tatsachen zu schönen. Aber noch ist nicht alles verloren. Ganondorf ist nicht der, dem es vorbestimmt ist, Träger des Triforce zu werden. Deswegen zerbrach es in seine drei Einzelteile. Ganondorf war nur in der Lage das Triforce-Fragment der Kraft an sich zu reißen. Dies hat ihn zwar zum Großmeister des Bösen gemacht, doch noch besteht Hoffnung.“
      Link wagte ein schüchternes Lächeln und warf Navi, die neben seinem Kopf schwirrte, einen kurzen Seitenblick zu. Irgendwie wirkte sie auf einmal weniger mädchenhaft... „Wenn wir Ganondorf schlagen wollen, brauchen wir die vereinte Kraft der sieben Weisen. Ich bin Rauru, der Weise des Lichts und Beschützer des Heiligen Reiches.“ Überrascht riss Link die Augen auf. Rauru? Das war doch der komische Kauz mit der riesigen Eule.
      „Doch meine Kraft alleine wird im Kampf gegen Ganondorf nicht viel ausrichten können. Ich schaffe es gerade so eben noch diese Halle der Weisen gegen seine dämonischen Mächte zu verteidigen. Finde die anderen sechs Weisen und bring sie hier her. Dann können wir zusammen mit der Kraft des Herrn der Zeiten Ganondorf noch immer aufhalten.“
      „Ihr wisst, wer der Herr der Zeiten ist?“ Link zuckte zusammen. Das war nicht seine Stimme! Sie klang viel zu tief und voll. Das war die Stimme eines Mannes, nicht die eines Kindes. Er warf einen erschrockenen Blick auf Navi, die ihn ein wenig mitleidig anschaute. Rauru, der seine Verwirrung sah, lächelte nachsichtig. „Sieh dich an.“
      Ein wenig ängstlich streckte Link die Arme nach vorn und erstarrte. Diese Arme waren viel zu lang und kräftig für einen Elfjährigen. Obwohl sie von einem enganliegenden, sehr feinmaschigen Kettenstoff aus feinstem Silber bedeckt waren, erkannte Link die festen Muskelstränge, die sich unter der Haut wölbten. Auch die Hände, die in festen, ellenbogenhohen Handschuhen steckten, waren viel zu groß für ihn. Zwar hatten sie auch die langen, schmalen Finger, die er an seinen Händen immer gemocht hatte, aber es waren eindeutig Männerhände.
      Mit wild pochendem Herzen wagte er den Blick an sich herunter. Er trug ein weißes, lose geschnürtes Hemd unter der vertrauten, grünen Tunika, doch der Brustkorb, der sich unter dem Stoff ein wenig zu schnell hob und senkte, war viel zu breit, um seiner zu sein. Aus den Augenwinkeln sah er die fein geschwungenen Wölbungen der breiten Schultern, die zu diesem seltsamen Körper gehörten. Er ließ seinen Blick weiter nach unten wandern, vorbei an der schmalen Hüfte und den langen, strammen Beinen, die in demselben eigenartigen Silberkettenstoff gekleidet waren wie die Arme, bis hin zu den großen Füßen, die in festen Stiefeln aus feinem Leder steckten.
      Ein leicht panischer Ausdruck hatte sich in seine Augen gestohlen, als er begann, sein Gesicht zu befühlen. Die Handschuhe an diesen seltsam großen Händen hatten zum Glück nur halblange Finger, sodass seine Fingerkuppen unbedeckt waren. Anstatt wie erhofft die samtige Haut eines Kindes zu fühlen, spürte er die leicht stoppelige Haut eines Mannes mit Bartwuchs. Auch sein Kinn war kräftiger als er es in Erinnerung hatte.
      Als er den Kopf zu Navi herum riss, damit sie ihm sagte, dass alles nur Einbildung war, fühlte er etwas an seinem Ohr hängen. Vorsichtig tastete er seine lange Ohrmuscheln ab und schluckte, als er in beiden kleine, stählerne Kreolen fühlte. In Hyrule durften nur erwachsene Männer und Frauen Ohrschmuck tragen. „Was... was ist mit mir passiert?“
      Navi setzte sich auf seine Schulter und kuschelte sich in sein Haar, das noch immer die gleiche Länge hatte, aber bis auf ein paar eigenwillige Strähnen zu einem Pferdezopf zusammen gebunden und unter einer ähnlichen Mütze, wie Link sie auch zuvor getragen hatte, versteckt waren. Offensichtlich hatte sich wer auch immer ihn eingekleidet hatte Mühe gegeben, es nach seinem Geschmack zu machen.
      Rauru räusperte sich und setzte zu einer Erklärung an: „Alle Ereignisse, an die du dich erinnerst, liegen mindestens sieben Jahre zurück.“ „Was?!“ Vor Entsetzen klang Links neue, samtige Stimme beinah schrill. „Versuch bitte einfach, still zuzuhören. Navi sagt, sie hat dir bereits davon erzählt, die Seele des Herrn der Zeiten würde immer wiedergeboren, nicht wahr?“ Link nickte stumm. Was hatte das mit ihm zu tun?
      „Nun ja, in jeder Generation wird ein Junge geboren, in dessen Körper die Seele des Herrn der Zeiten ruht. Doch nicht immer wird diese Seele richtig wach. Meistens lebt der Junge sein Leben ohne etwas von dem bedeutenden Erbe zu ahnen, das in ihm schlummert. Ich glaube, du ahnst bereits, was ich dir sagen will. Du bist die Wiedergeburt des Herrn der Zeiten. Deswegen konntest du auch das Master-Schwert aus dem Zeitfels ziehen und deswegen hattest du während deines siebenjährigen Schlafes vermutlich auch Erinnerungen an ein Leben, das du nie geführt hast.“ Bilder des sterbenden, jungen Mannes und der seltsam rothaarigen Zelda blitzten in Links Geist auf.
      „Als du das Master-Schwert aus dem Stein gezogen hast, hast du die Seele des Herrn der Zeiten, die in dir steckt, vollständig erweckt. Doch dein junger Körper war dafür noch nicht reif, deswegen hat dich die heilige Klinge so lange gebannt, bis du in der Lage sein würdest, sie zu führen. Wir hatten bereits befürchtet, dass du zu jung sein würdest, aber die Zeit drängte. Wir mussten es versuchen.“
      Link nickte, als wäre ihm alles klar, doch in Wirklichkeit verstand er gar nichts mehr. Hieß das jetzt, dass er zwei Seelen hatte? Oder hatte die des Herrn der Zeiten seine Alte raus geschmissen? Und was war in den sieben Jahren, die er hier im Heiligen Reich selig vor sich hin geschlummert hatte, mit seinen Freunden passiert?
      „Wie komm ich zurück nach Hyrule?“ „Bist du bereit, die Aufgaben, die vor dir liegen, anzunehmen?“ „Ich werde beenden, was ich angefangen habe. Also, wie komm ich zurück?“ So langsam gewöhnte Link sich an seine neue Stimme und erkannte sogar Ähnlichkeiten zu der, die er als Junge gehabt hatte. „Schließ die Augen.“ Der junge Mann tat wie ihm geheißen und spürte plötzlich wie er von unsichtbaren Kräften ergriffen wurde. Hinter seinen Augenlidern wurde es so hell, dass er sich trotz der geschlossenen Augen geblendet fühlte, doch nach wenigen Sekunden ließ das intensive Licht wieder nach.

      Vorsichtig öffnete er die Augen und fand sich in der Zitadelle der Zeit wieder, das Master-Schwert in der Hand. Navi, die in den vergangenen sieben Jahren ebenfalls gealtert und zu einer eleganten, jungen Feenfrau herangewachsen war, deutete auf den Lederbeutel, der noch immer an Links braunem Ledergürtel hing. „Schwertscheide und Schild sind da drin. Und... äh... schön, dass du endlich wieder wach bist. Ohne dich war es irgendwie ganz schön langweilig.“
      Link grinste sie an und zog die genannten Objekte aus seinem Lederbeutel. „Hätte ich nicht geschlafen, hätte ich dich bestimmt auch vermisst.“ Die Schwertscheide war mit nachtblauer Seide bespannt und mit kunstvoll gehämmerten Goldverzierungen geschmückt. Der erwähnte Schild war der auf dem Friedhof ausgegrabene Hylia-Schild, den irgendjemand gründlich gereinigt hatte, sodass seine Farben jetzt wieder strahlten. „Ich fass es nicht, dass ich jetzt groß genug bin, um so einen riesigen Schild zu benutzen...“ Schnell befestigte er beides hinter seinem Rücken und steckte das Master-Schwert weg.
      „Ja, es ist alles ein bisschen wirr, da hast du Recht. Ich meine, für mich ist es ja schon komisch, aber für dich muss dein plötzlicher Alterswechsel echt unheimlich sein.“ „Das ist gar nicht das Schlimmste. Was mich wirklich beunruhigt, ist diese Seelengeschichte. Ich meine, wer bin ich denn jetzt?“ Navi lächelte ihn mild an. „Du bist immer noch der Link, der du früher warst. Du bist kein durchgeknallter Schizophrener, der zwei Seelen unter einen Hut kriegen muss, oder so. Alles, was sich geändert hat, ist, dass sich deine Seele jetzt daran erinnern kann, wer sie früher einmal war. Aber das ändert nichts an deiner Person. Du bist niemand, der du früher nicht auch warst.“

      Erleichtert seufzte Link auf und schickte sich an, die Zitadelle zu verlassen, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung ausmachte. In einer einzigen Bewegung wirbelte er herum und zog Schwert und Schild. Hinter ihm stand ein junger Mann in engen, dunkelblauen Kleidern mit einem hellen, ledernen Brustschutz und einer Kopfbedeckung aus weißem Tuch, die bis ins Gesicht gezogen war. Lediglich ein rotbraunes Auge und ein paar blonde Strähnen waren unverdeckt geblieben. Auf seiner Brust prangte in auffälliger, roter Farbe das Zeichen der Shiekah.
      Der Fremde stand stumm da und musterte ihn aufmerksam, während Link innerlich jubelte. Er hatte gewusst, dass Impa nicht die letzte Shiekah war. Dennoch blieb er vorsichtig und suchte sich einen festen Stand, um für den Fall der Fälle kampfbereit zu sein. „Wer bist du? Und was willst du?“
      Doch der Fremde schien hinter seiner Vermummung zu lächeln. Als er sprach war seine Stimme weich und erstaunlich hoch für einen Mann: „Stolz steht er da, das Master-Schwert in der Hand. Genau so wird er immer in den Legenden beschrieben. Willkommen zurück in Hyrule, Herr der Zeiten.“ Der andere Mann kam langsam auf Link zu, der ihn keine Sekunde aus den Augen ließ. „Es ist sehr nett von dir, mich zu begrüßen, doch das beantwortet nicht meine Fragen.“
      „Unnachgiebig und stur wie eh und je.“ Der Fremde lachte ein wenig in sich hinein. „Also gut, ich bin Shiek, einer der letzten Überlebenden der Shiekah. Und ich bin hier, um dir zur Seite zu stehen, Herr der Zeiten.“ „Warum solltest du so etwas tun?“ Link war die unerwartete Freundlichkeit nicht geheuer. Auch Navi legte die Stirn in Falten und murmelte vor sich hin: „Mit dem Knaben stimmt irgendetwas nicht.“
      „Warum ich so etwas tun sollte? Ich bitte dich, mein junger Freund. Hast du die Aufgabe der Shiekah vergessen? Wir müssen die königliche Familie von Hyrule beschützen. Verrate mir, wie könnte ich ein besserer Schutz für Zelda sein, als wenn ich dem Herrn der Zeiten dabei helfe, Ganondorf zu vernichten?“ Link kaute nachdenklich auf der Unterlippe und blickte Shiek in sein geheimnisvoll wirkendes Auge. An der Argumentation war tatsächlich etwas dran.
      „Also gut. Wie glaubst du, mir helfen zu können? Willst du etwa an meiner Seite kämpfen?“ „Nein, dabei stünde ich vermutlich nur im Wege. Ich bin kein großer Kämpfer.“ Navi zog erstaunt die Augenbraunen in die Höhe. Ein Shiekah, der nicht im Kampf bewandert sein sollte?
      „Aber ich habe nützliche Informationen für dich. Ich weiß, wo sich fünf der fehlenden Weisen aufhalten. Einer befindet sich in den Tiefen der Wälder, ein anderer im feurigen Inneren eines Berges. Den Dritten findest du im kühlen Nass, den Nächsten bei der Ruhestätte meines Volkes und den Letzten in der Göttin des Sandes. Doch bevor du aufbrichst, solltest du nach Kakariko gehen, denn so wie du momentan ausgerüstet bist, wirst du den Tempel nicht betreten können. Beeile dich. Das Mädchen, das dort auf dich wartet, ist jemand, den du kennst.“
      Mit diesen Worten warf der Shiekah eines der Beutelchen, wie sie auch Impa benutzt hatte, zu Boden und verschwand in einem gleißenden Lichtblitz. Link blieb irritiert blinzelnd zurück. Navi verschränkte die Arme vor der Brust und verzog den Mund. „Ich trau dem Kerl nicht.“ Mit den Schultern zuckend drehte Link sich um. „Ich auch nicht, aber ich werde trotzdem tun, was er gesagt hat. Es ist die einzige Spur, die wir haben. Außerdem will ich sehen, wie es Salia und den anderen geht.“

      Als er aus der Zitadelle trat, traf ihn der Schlag. Dort, wo einst liebevoll gepflegte Hecken und Blumenbeete gewesen waren, fand man nun nur noch verdorrte, tote Pflanzen und von den Ruinen des einstmals prächtigen Hyrules wehte ein erstickender Gestank nach totem Fleisch herüber. Panisch stürzte Link davon, nur um wie angewurzelt auf dem Marktplatz stehen zu bleiben. Anstatt von Ständen und einkaufenden Massen war der Platz nun von dumpf durch die Gegend schlurfenden Zombies bevölkert. Navi schlug sich die Hände vor den Mund und würgte, während Link den Kopf schüttelte. „Das ist grauenvoll.“
      Obwohl er nicht viel Hoffnung hatte, dass es dort viel besser aussah, rannte der junge Mann zum einstigen Schloss von Hyrule und stöhnte auf. Früher war dies ein friedlicher Ort mit weiten Parkanlagen gewesen, doch diese hatten einem riesigen Lavagraben und leblosen Sandflächen weichen müssen. Auch das Schloss an sich hatte sich verwandelt. Es war nicht mehr das majestätisch wirkende Gebäude aus weißem Stein, sondern eine bedrohliche, tiefschwarz gefärbte Festung.
      Link wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln und starrte zu dem einschüchternden Bauwerk hinauf. Dann hob er die Faust und schwor sich erneut, Ganondorf so schnell wie möglich aufzuhalten – koste es, was es wolle.

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    • Des Recken edles Ross

      Selbst die hylianische Steppe wirkte vollkommen verändert. Zwar hatte Link sie sieben Jahre zuvor auf Grund der frühsommerlichen Hitze auch ziemlich vertrocknet gesehen, doch nun wirkte sie einfach nur tot, so als könnten selbst heftige Regenfälle kein Leben in die verdörrten Pflanzen zurück bringen. „Alles wirkt so traurig...“ Navi blickte mit einem leidenden Gesichtsausdruck umher, doch Link marschierte schnurstracks auf die Lon-Lon-Farm zu.
      „Wo willst du hin? Ich dachte, wir wollten nach Kakariko.“ Die Fee musste sich beeilen, um zu ihm aufzuschließen. Die längeren Beine machten ihn ein ganzes Stück schneller als früher. „Ich leih mir ein Pferd.“ „Was?“ Mit einem genervten Gesichtsausdruck blieb Link stehen und deutete hoch zur Ranch.
      „Malon und ihr Vater besitzen mehrere Pferde, erinnerst du dich?“ Navi zog verwirrt eine Augenbraune in die Höhe. „Ja, das ist mir bewusst. Aber was willst du mit einem Gaul?“ „Reiten?“ Link hob einen Nasenflügel an und richtete die Handflächen nach oben, als ob er seiner Fee das Offensichtliche auf einem Tablett servieren wollte.
      „Ich hätte mir schon bei unserem letzten Besuch gerne eins ausgeliehen, aber ich war für die Pferde zu klein. Aber das Problem hat sich hat jetzt gelöst. Ich meine, wie groß bin ich? Einmeterachtzig? Einmeterfünfundachtzig? Das dürfte mehr als ausreichend sein. Also leih ich mir endlich ein Pferd, dann muss ich nicht mehr stundenlang laufen. Reiten geht einfach schneller.“
      Navi zuckte resigniert mit den Schultern und folgte Link den steilen Anstieg zur Farm hinauf. Anders als an den Orten, die Link bisher von Hyrule gesehen hatte, schien sich hier glücklicherweise nicht viel verändert zu haben. Freudestrahlend lief er auf die Koppel zu, in der Hoffnung, Malon zu entdecken und sie fragen zu können, wie es ihr in den letzten sieben Jahren ergangen war.
      Doch vor der Weide stand statt einer jungen Frau ein Mann mittleren Alters, der fürchterlich albern herausgeputzt war und Link mit einem schlechtgelaunten Gesichtausdruck musterte. „Kann ich Ihnen helfen, junger Mann?“ Die Frage nach Malon lag ihm bereits auf der Zunge, doch Link erinnerte sich daran, dass die Zeit mal wieder drängte – wie eigentlich immer seit er den Kokiri-Wald verlassen hatte.
      „Ich möchte mir ein Pferd leihen, wenn das möglich ist, Sir.“ „Können Sie denn reiten?“ Ein bisschen verlegen biss Link sich auf die Unterlippe. „Wenn ich ehrlich sein soll, hab ich noch nie auf einem Pferd gesessen. Aber so schwierig kann das ja nicht sein, oder?“ Der Mann machte ein noch schlechter gelauntes Gesicht als zuvor, erklärte aber mit einer Engelsgeduld, auf was Link zu achten hatte.
      „So, ich glaube, jetzt wissen Sie alles, was sie brauchen, um mit einem unserer bestens trainierten Reitpferde zurecht zu kommen.“ Mit diesen Worten führte der Mann, den Link endlich als Basil, den früheren Stallknecht, erkannte, ihn zu einem der friedlich grasenden Pferde. Basil wollte es gerade aufzäumen, als Link etwas ins Auge stach. Epona?
      „Was ist mit diesem Pferd dort?“ Er deutete auf einen kräftigen, rotbraunen Kaltblüter, der die beiden Menschen aufmerksam im Auge behielt. Der andere Mann hob den Kopf und schaute, welches Tier sein Kunde meinte. „Das? Oh, eine wirklich fabelhafte Stute, vermutlich das beste Exemplar meiner Züchtung. Doch leider kann niemand ihr aggressives Temperament zähmen.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm Link Basil das Zaumzeug aus der Hand. „Ich möchte es versuchen.“
      Während er auf den imposanten Vierbeiner zuging, hörte er den ehemaligen Stallknecht aufgebracht rufen: „Bitte, lassen Sie das. Das ist glatter Selbstmord!“ Auch Navi, die auf Links Schulter saß, betrachte das aufgeregt wiehernde Pferd nachdenklich. „Also, ich bin mir nicht sicher, ob dieser Teufel das richtige Pferd für einen Anfänger ist...“
      Als Link sich der Stute näherte, blähten sich ihre Nüstern und sie legte bedrohlich die Ohren zurück, während sie laut schnaubte. „Ganz ruhig. Ich bin es, Link. Erkennst du mich nicht?“ Bei dem Klang seiner Stimme, wackelte eines ihrer Ohren, doch sie machte dennoch Anstalten, ihn mit den Vorderhufen zu zermalmen, sollte er näher kommen. Beschwichtigend hob der junge Mann die Hände und begann das Lied zu summen, das Malon ihm beigebracht hatte.
      Die Ohren der Stute zuckten und sie beruhigte sich zusehends, während Link vor sich hin summte. Nach einiger Zeit stieß sie ein kleines Wiehern aus und kam langsam auf den jungen Mann zu, der ihr eine Hand entgegen streckte. Geradezu liebevoll legte sie ihre Schnauze in seine Handfläche und ließ sich über die samtweichen Nüstern streicheln, während sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht stahl. „Epona. Ich wusste, dass du es bist.“
      Link tätschelte ihr sanft den Hals und zäumte sie vorsichtig auf, während er Basils verblüfften Blick im Rücken spürte. Dann wandte er sich halb um und machte eine auffordernde Geste. „Gibt es hier vielleicht auch so etwas wie Sättel?“ Für ein paar Sekunden starrte der ehemalige Stallknecht noch immer vollkommen erstaunt auf Epona, die sich von Link hinter den Ohren kraulen ließ. Normalerweise ließ sie sich von keinem Mann anfassen. Dann drehte er sich in Richtung Ställe und brüllte: „Malon! Bring Eponas Sattel her.“
      Nach nur ein paar Minuten erschien eine bildschöne junge Frau mit einem schwer aussehenden Sattel in den Armen. Malon trug ihr kastanienbraunes Haar noch immer lang, doch ihr Gesicht hatte die kindlichen Rundungen abgelegt und diese gegen ein fein geschwungenes Profil eingetauscht. Sie trug eine weite, weiße Bluse und einen knöchellangen, rosafarbenen Rock mit Schärpe, doch auch die unglücklich gewählte Kleidung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich darunter eine verführerische Figur verbarg.
      Für einen kurzen Moment stockte Link der Atem, doch dann beeilte er sich zu ihr zu kommen, wobei Epona folgsam hinter ihm her trottete, was Basil dazu veranlasste, erst recht ungläubig zu glotzen.
      „Warte, lass mich dir helfen.“ Link griff unter den Sattel, hob ihn aus Malons Armen und war erstaunt, dass er bei weitem nicht so schwer war wie gedacht. Einen erwachsenen Körper zu haben, hatte definitiv seine Vorteile. Die junge Frau schob sich eine dicke Strähne aus der Stirn und sah ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen an. „Feen-Junge? Bist du das?“
      Ein breites Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, während er nickte. Er hatte nicht erwartet, dass sie sich noch an ihn erinnern konnte, schließlich waren für sie sieben Jahre vergangen. Mit einem erfreuten Strahlen in den sommerhimmelblauen Augen warf Malon sich an seinen Hals. „Wow, wo kommst du denn nach all der Zeit her? Und lass dich ansehen... Gut siehst du aus. Ein richtiger Mann. Ich bin sprachlos.“ „Dafür redest du ganz schön viel.“
      Link lächelte sie warm an, während sie ein wenig rot anlief und Epona sich mit sanftem Stupsen bemerkbar machte. „Ja, ist ja gut. Ich seh’s ja ein. Du bist zuerst dran.“ Mit diesen Worten warf Link der prächtigen Stute die reichverzierte, dunkelblaue Satteldecke und den ledernen Reitsattel auf den Rücken, gürtete ihn fest, stieg in linken Steigbügel und schwang das rechte Bein auf die andere Seite.
    • Link hatte das Gefühl, ihm seien Flügel gewachsen, als er auf Eponas Rücken über die weitläufige Weide preschte. Die gewaltigen Hufe der Stute trommelten wie Donnergrollen über den Boden und riss Grasfetzen mit dicken Erdklumpen heraus. „Das ist großartig!“, jubelte er, doch Navi hielt sich mit blassem Gesicht am Kragen seiner Tunika fest und presste sich die andere Hand vor den Mund. „Ich glaub, ich muss mich übergeben. Dieses Gehoppel ist ja furchtbar!“
      Malon klatschte begeistert, als Pferd und Reiter über ein hohes Hindernis sprangen, doch Basil verschränkte missmutig die Arme vor der Brust. Link ließ Epona langsam in einen lockeren Trab fallen und lenkte sie neben die Beiden. „Wenn es möglich ist, würde ich mir gerne dieses Pferd leihen.“
      Malon warf einen schüchternen Seitenblick auf den ehemaligen Stallburschen, der die Augenbraunen ärgerlich zusammen schob und brummte: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich jetzt schon auf eigene Faust los reiten lassen kann. Lass uns ein Wettrennen rund um die Koppel machen. Wenn du gewinnst, schenke ich dir das Pferd sogar.“ Überrascht riss Link die Augen auf und schlug dann grinsend in die ihm dargebotene Hand ein, während Navi sich zu Malon flüchtete, die ängstlich von Basil zu Link und zurück blickte.
      Nachdem der Herausforderer sich ein Pferd geholt hatte, stellten die beiden Kontrahenten sich an der Startlinie, die in der Mitte des Koppeltores lag, auf und warteten angespannt auf das Startsignal. „Auf die Plätze... fertig...“, fing Malon an, doch bevor sie enden konnte, hieb Basil seinem Pferd die Sporen in die Flanken. Der Vierbeiner machte einen Satz nach vorne und galoppierte in einem atemberaubenden Tempo davon.
      Eine Staubwolke wurde aufgewirbelt und brachte Link zum husten, was ihm zusätzliche Sekunden raubte. Doch bevor sich seine Sicht wieder geklärt hatte und er seinem Pferd ein Zeichen geben konnte, stob Epona nach vorn. Vor Schreck wäre Link beinah von ihrem Rücken gefallen und klammerte sich krampfhaft in ihrer langen, seidigen Mähne fest.
      Mit langen Schritten und kämpferisch nach vorn gelegtem Kopf sauste die Stute über die Rennstrecke. Link beugte sich nach vorn und versuchte, sich so flach wie möglich gegen ihren Hals zu pressen, um weniger Luftwiderstand zu leisten. Eponas Hufe donnerten über den sandigen Untergrund und sie holte immer mehr auf.
      Wenige Meter vorm Ziel warf Basil einen ängstlichen Blick über die Schulter, als ein rotbrauner Blitz mit einem grüngewandeten Reiter an ihm vorbeischoss und das Rennen gewann. Jubelnd sprang Link aus dem Sattel und grinste zu Malon herüber, die besorgt zu Basil blickte, der vor lauter Wut auf den ledernen Zügel in seinen Händen biss.
      Davon unbeeindruckt ging Link auf ihn zu. „Ich glaube, Epona gehört nun mir.“ Der ehemalige Stallknecht raufte sich die wenigen Haare auf seinem Kopf und jammerte: „Das kann nicht sein! Du kannst Epona nicht haben. Ich wollte sie Ganondorf zum Geschenk machen!“ „Was?“ Bei diesen Worten packte der junge Mann den älteren am Kragen und zog ihn vom Pferd. Seine Augen funkelten bedrohlich und er verengte sie zu Funken sprühenden Schlitzen, als er zischte: „Du machst gemeinsame Sache mit Ganondorf? Wie kannst du nur?“
      Angewidert spukte er auf den Boden, dicht an Basils Gesicht vorbei. „Aber ich sag dir eines: Ich werde Ganondorf vernichten und seine Schreckensherrschaft beenden und dann werde ich dafür sorgen, dass jeder, der ihn unterstützt hat, vor Gericht gestellt wird.“ Er schubste den wimmernden Mann, der hart auf den Boden aufschlug, von sich und ging zurück zu Malon und seinem Pferd. „Ich werde Epona mitnehmen. Ich habe sie bei einer ehrlichen Wette gewonnen. Sie gehört mir.“
      Link tätschelte der Stute den Hals und schickte sich an wieder in den Sattel zu steigen, als Malon auf ihn zu kam. Sie legte eine Hand auf seine, die den Sattelknauf umklammert hielt, und sah ihn flehend an. „Wenn du meinen Vater findest, sag ihm, er solle zurück kommen. Ich glaube, Basil hat seine Lektion gelernt.“ Die Beiden warfen einen Blick auf den ehemaligen Stallknecht, der wie ein Häufchen Elend auf dem Boden kauerte und stumpf vor sich hin starrte. Lächelnd nickte Link der jungen Frau zu. „Versprochen, das wird gemacht.“
    • Der Schatz des Totengräbers

      „Du bleibst schön hier. Ich bin bald wieder da.“ Epona rieb ihre Schnauze an Links Schulter, während dieser ihre Zügel an einem in der Nähe stehenden Baum festband, bevor er die unzähligen Stufen hinauf stieg, die nach Kakariko führten. Oben angekommen, staunten er und Navi nicht schlecht.
      Sie hatten erwartet, Kakariko in einem ähnlich schlechten Zustand wie Hyrule-Stadt vorzufinden, doch offensichtlich hatte das kleine Dorf vom Untergang der Hauptstadt profitiert. Hier und da waren neue Gebäude hoch gezogen worden und neben vielen Privatpersonen waren auch die Shopbetreiber von Hyrule-Stadt hierher gezogen. Langsamen Schrittes ging Link auf die Stadtmitte zu, denn genau das war Kakariko inzwischen – eine Stadt –, und entdeckte hier und da ein paar bekannte Gesichter, die er schon sieben Jahre zuvor auf dem Markt gesehen hatte.
      In der Nähe des hinter Impas Haus gelegenen Hühnergeheges blieb er jedoch stehen und blickte sich fragend um. „Hast du eine Ahnung, nach was wir überhaupt suchen sollen? Was könnte Shiek gemeint haben?“ Navi zuckte die Schultern und machte ein brummiges Gesicht. „Ehrlich gestanden, ist mir das im Moment egal. Ich wüsste einfach nur zu gerne, wer dieser Shiek wirklich ist.“
      „Du meinst, er ist nicht der, der er vorgibt zu sein?“ „Ich bitte dich!“ Navi rollte theatralisch mit den Augen und schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ‚Shiek’ überhaupt ein Name für einen Shiekah ist. Ich meine, das ist doch als würde ich ‚Feeda von den Feen’ heißen.“ Link prustete los und biss sich auf die Unterlippe, um weiteres Lachen zu unterdrücken, als Navi ihn giftig ansah. „Ich schlage vor, wir sehen mal auf dem Friedhof nach, ob wir da einen Gedenkstein mit dem Namen ‚Shiek’ drauf finden. Ist dem so, bin ich geneigt, ihm für den Moment zu vertrauen.“
      Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck schüttelte Link den Kopf. „Der Plan klingt ja gut, aber du vergisst leider eine Kleinigkeit: Auf den Grabsteinen der Shiekah stehen keine Namen. Das hat uns doch letztens... damals der Totengräber erklärt.“ Auf Navis Gesicht schlich sich ein schelmisches Grinsen, als sie unter ihren langen, goldig schimmernden Wimpern hindurch zu Link hoch sah. „Nicht auf Hylianisch...“

      Als sie den Friedhof betraten, kroch ein Schauer über Links Rücken und er zog unwohl die Schultern nach vorne. „Irgendetwas ist hier anders als früher.“ Navi nickte bloß und schwirrte von einem Grabstein zum nächsten, auf der Suche nach dem Namen Shiek. Link las sich gerade eine Gedenktafel für die im Kampf gefallenen Shiekah durch, als Navis aufgeregte Stimme an seine Ohren drang: „Link! Komm mal her!“
      „Hast du den Namen gefunden?“ Die Fee schüttelte den Kopf und deutete auf das Grab vor ihr. „Nein. Aber sieh mal: Hier liegt der Totengräber von damals begraben. Erschreckend, was in sieben Jahren alles passieren kann. Aus dir haben diese Jahre einen jungen, kräftigen Mann gemacht, während ein älterer Mann wie Boris sein Lebensende erreicht hat.“ „Ich hoffe nur, er ist eines natürlichen Todes gestorben und nicht Ganondorf zum Opfer gefallen.“
      „Das bin ich, mein Junge.“ Hinter ihnen erklang plötzlich die Stimme des Totengräbers und ließ Mann und Fee zu Salzsäulen erstarren. Mit panischen, sehr großen Augen drehte Link sich langsam um und verlor das letzte bisschen Farbe im Gesicht, als er Boris’ schimmernde, leicht transparente Gestalt hinter sich entdeckte. Navi wagte ebenfalls einen Blick über die Schulter und quiekte auf: „Ein Geist!“ Schnell verschwand sie unter Links Mütze, wo sie sich zitternd wie Espenlaub zusammenkauerte.
      Link versuchte seine Angst hinunter zu schlucken und befeuchtete seine schrecktrockenen Lippen mit der Zunge. „B-B-Boris?“ So sehr er sich auch anstrengte, ein leichtes Zittern seiner Stimme konnte er nicht verhindern. Der Geist grinste und entblößte dabei zwei unvollständige, schiefe Zahnreihen. „Es ist schön zu sehen, was aus dir geworden ist. Du bist doch der kleine Junge, der sich damals so für die Shiekah interessiert hat.“
      Ein wenig verunsichert nickte Link mit dem Kopf und wollte gerade zu der Frage ansetzen, ob der Totengräber ihnen vielleicht mit ihrem Namensproblem weiterhelfen konnte, als dieser ihm eine Hand an die Schulter legte. Sofort machte sich Eiseskälte in Links Körper breit und er wollte zurückweichen, doch er war starr vor Angst.
      „Ich habe auf dich gewartet, junger Held.“ Ungläubig blinzelte Link den Geist an, der noch immer ein wenig dümmlich grinste. „Man hat mir gesagt, dass du kommen würdest. Das, was du suchst, liegt in meiner Hütte unter meinem Bett. Du musst eine der Bodendielen hoch heben. Es war mein Schatz, weißt du? Aber ich kann eh nichts mehr damit anfangen und dir wird es gute Dienste leisten.“
      Irritiert blickte Link zu der windschiefen Holzhütte und zurück zu Boris, der ihn endlich los gelassen hatte. „Äh... Danke. Aber wer hat dir gesagt, dass ich kommen würde?“ „Das wird dir die Person selber sagen, wenn die Zeit gekommen ist, mein junger Freund. Aber ich habe eine Bitte an dich. Es heißt, du seiest in Besitz der Okarina der Zeit. Ihre Macht verbunden mit dem eigenartigen Zauber der Gebrüder Bramstein dürften in der Lage sein, meiner Seele endlich Frieden zu geben. Bitte, Link, spiel mir die Hymne der Sonne.“
      Für einige Sekunden zögerte der junge Mann – Vielleicht war das alles ja nur eine Falle Ganondorfs? –, doch als er in die Augen des Geistes sah, erweichte der flehende Ausdruck darin sein Herz. Mit einem Seufzen holte er das wertvolle Musikinstrument heraus und begann die Noten zu flöten, die er auf dem Grabstein des jüngeren Bramstein-Bruders gefunden hatte. Boris weinte Tränen der Freude, als sein nichtmaterieller Körper sich langsam auflöste, und Navi wiegte tief in Links Mütze ihren Kopf im Rhythmus der Musik. Die Gebrüder Bramstein waren wahrhaftige Künstler gewesen.

      Mit einem Ächzen stemmte Link die festgehämmerten Bodendielen unter Boris’ zerlumpten Bett auf. Eine dicke Staub- und Dreckwolke stob in die Höhe und ließ den jungen Mann wiederholt niesen. Als sich die Wolke endlich gelegt hatte, gab sie den Blick auf eine kleine, hölzerne Schatulle frei.
      „Na, dann wollen wir mal sehen, was der Schatz des Totengräbers war.“ Vorsichtig hob Link das Kistchen aus dem Loch und schob den Deckel nach hinten. Im Inneren lag ein seltsam geformtes Metallgehäuse, in dem sich eine aufgewickelte Kette befand. Vorne war eine Art scharfkantiges Dreieck befestigt, das mit der Kette verbunden zu sein schien.
      Link drehte und wendete das seltsame Teil und begutachtete es von allen Seiten, bevor er verwirrt zu Navi blickte, die neben ihm in der Luft stand. „Was ist das?“ „Ein Fanghaken. Ein in der Tat sehr nützlicher Ausrüstungsgegenstand. Damit kannst du Gegenstände zu dir ran ziehen oder dich sogar selbst über Abgründe schwingen, wenn du auf der anderen Seite etwas findest, in dem sich die Spitze verhaken kann – Holz zum Beispiel. Du schießt die Spitze rüber und betätigst dann den Einrollmechanismus hier und – wumms – du wirst über den Abgrund gezogen. Wirklich sehr praktisch.“ Links Grinsen wurde immer breiter, während er lauschte. „Das klingt echt praktisch. Ich glaube, wir haben gefunden, was wir gesucht haben. Also auf! Retten wir den ersten Weisen.“
    • Entschuldigung, kenne ich Sie?

      Link saß stocksteif im Sattel, während Epona langsam durch die letzten Baumreihen schritt. Navi beobachtete besorgt, wie sich seine Hände vor Nervosität tief in die Mähe des Pferdes gruben. Jetzt hatte er schon so vielen Monstern gegenübergestanden und hatte so viele Gefahren gemeistert, doch der Gedanke an Mido und die anderen ließen ihm noch immer kalte Schauer über den Rücken laufen. Als er die ersten Häuser zwischen den Bäumen erspähte, warf er Navi einen ängstlichen Seitenblick zu: „Meinst du, sie sind immer noch sauer auf mich?“ „Ich glaube nicht. Die Sache mit dem Deku-Baum liegt sieben Jahre zurück und außerdem–“
      Navi verstummte mitten im Satz, als Epona sich plötzlich aufbäumte und ein erschrockenes Wiehern ausstieß. Link hatte große Mühe, sich im Sattel zu halten, und blickte sich irritiert um, was seine Stute so erschreckt hatte. Neben ihrem Huf war plötzlich der Kopf einer riesigen Deku-Pirania aufgetaucht, doch anstatt ängstlich davon zu galoppieren, zermalmte Epona die angriffslustige Pflanze mit ihren Vorderhufen.
      Schnell ließ Link sich von ihrem Rücken gleiten und ließ seinen Blick schweifen. Sie standen am äußersten Rand des Kokiri-Dorfes, doch anstatt geschäftige oder faulenzende Kokiri zu sehen, erblickte Link nur weitere Deku-Piranias und ein paar vorwitzige Laubkerle. Mit großen, schmerzerfüllten Augen sah er zu Navi auf, die genauso erschüttert wirkte, wie er sich fühlte. „Was ist hier passiert?“
      Mit dem Master-Schwert in der Hand kämpfte Link sich durch sein einstiges Heimatdorf in Richtung Salias Haus. Seine treue Stute folgte ihm dabei auf Schritt und Tritt und zeigte sich mit Angriffen auf die fleischfressenden Deku-Piranias erstaunlich wehrhaft.
      Atemlos stieß er durch Salias Haustür, doch in dem kleinen Wohnschlafraum saß nur ein braunhaariges Mädchen von höchstens dreizehn Jahren, das überrascht aufblickte, als es ihn in den Raum stürmen sah. Das Mädchen, das erstaunliche Ähnlichkeit mit einer damaligen Freundin Salias hatte, stand langsam auf und kam auf ihn zu.
      „Kann ich etwas für Sie tun, der Herr?“ „Ich suche Salia. Sie lebt doch immer noch hier, nicht wahr?“ Das Mädchen nickte und lächelte sie zaghaft an. „Sind Sie ein Freund von Salia?“ Link dachte an die vielen Tage und Nächte, die er und seine beste Freundin gemeinsam verbracht hatten. „Ja, wir standen uns früher sehr nah.“
      Das Mädchen sah ihn ein wenig nachdenklich an. „Sie erinnern mich an jemanden...“ Dann zuckte es die Schultern und deutete in Richtung Tür. „Es tut mir leid. Salia ist nicht hier. Sie wollte in den Waldtempel in den Verlorenen Wäldern und nach dem Rechten sehen. Etwas muss den Schutzgeistern zugestoßen sein, sonst würde es hier nicht so von Monstern wimmeln.“ „Verlorene Wälder sagtest du?“ Als das Mädchen nickte, sah Link den seltsamen Gebäudevorbau vor sich, den er auf der Heiligen Lichtung entdeckt hatte, als er Salia unbedingt hatte besuchen müssen. Schnell bedankte er sich von dem Mädchen und eilte in Richtung Wälder davon.

      Am Eingang der Verlorenen Wälder drehte der junge Mann sich zu seiner folgsamen Stute um. „Du bleibst hier, Epona. Dort drinnen ist der Weg viel zu unbegehbar für dich und ich will nicht, dass du dich an irgendwelchen Dornenbüschen verletzt oder so. Schön im Dorf bleiben, hörst du?“ Das Pferd schnaubte, als habe es ihn verstanden, und blieb tatsächlich stehen, als Link sich umdrehte und in die dunklen Wälder stapfte.
      In den vergangenen sieben Jahren waren diese noch unwegsamer geworden und Link stolperte alle paar Meter über Wurzeln oder bekam tiefhängende Zweige ins Gesicht geschlagen. „Dort vorne ist der Durchgang, der hoch zur Lichtung führt.“ Navi deutete auf eine schmale Lücke zwischen der grünen Blätterwand. Link folgte ihrem ausgestreckten Arm mit den Augen und erstarrte. Vor dem Gang stand ein grüngewandeter Junge, der genauso aussah wie Mido damals. Sogar der Schnitt der rotblonden Haare war derselbe.
      Mit einem beklemmenden Gefühl in der Magengegend ging er auf den jungen Kokiri zu und bat ihn höflich, zur Seite zu treten, doch dieser holte nur eine bedrohlich wirkende Keule hinter dem Rücken hervor und sah Link skeptisch an. „Tut mir leid, edeler Herr, aber ich habe einer Freundin versprochen, niemanden passieren zu lassen.“ „Aber ich muss wirklich dringend auf die Lichtung. Ich habe da etwas zu erledigen.“
      „Nein, tut mir leid. Ich habe es versprochen und werde Salia nicht enttäuschen.“ Link zuckte ein wenig zusammen. Salia war also tatsächlich auf der Heiligen Lichtung. Wie würde sie wohl reagieren, wenn sie ihn wieder sehen würde? „Jetzt komm schon, Kleiner, mach Platz. Ich hab wirklich keine Zeit für solche Spielchen.“ Der vorwitzige Junge lief dunkelrot an. „Spielchen? Ich, Mido, Anführer der Kokiri, spiele keine Spielchen. Das hier ist mein vollkommener Ernst!“ Link war wie vom Blitz getroffen. Mido?!
      „Sag mal, wie lange bist du schon Anführer der Kokiri?“ „Seit Ewigkeiten.“ „Auch schon vor sieben Jahren?“ „Was geht Sie das an?“ Link haderte mit sich. Konnte das tatsächlich der Mido sein, den er kannte? Und wenn ja, warum war er kein Stück gealtert? Hieß das etwa, dass das Mädchen aus dem Dorf tatsächlich Salias Freundin war, die er schon von früher kannte? Aber warum war er selbst dann erwachsen geworden? Weil er den Wald verlassen hatte? Die Gedanken wirbelten wie Herbstlaub durch seinen Geist und entzogen sich ihm immer wieder, bevor er sie wirklich zu fassen bekam. Er hatte das Gefühl, im würde jeden Augenblick der Schädel platzen.
      Link atmete tief ein und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Vielleicht war es ja sogar besser, wenn Mido nicht wusste, wer er wirklich war. „Ich hab vor sieben Jahren in Hyrule-Stadt einen anderen Kokiri getroffen. Er hat mir von seinem kompetenten und klugen Anführer erzählt.“ Mido blinzelte ihn irritiert an und ließ die Keule sinken. „Hat er? Das kann doch eigentlich nur Link gewesen sein... Ich hab immer gedacht, er hätte mich gehasst... Grund genug hätte er jedenfalls gehabt – und alles nur, weil ich neidisch auf sein enges Verhältnis zu Salia gewesen bin. Ich war so eifersüchtig damals und heute fehlt er mir...“ Link legte seinem früheren Rivalen eine Hand auf die Schulter. „Ich bin mir sicher, das hat er immer gewusst.“
      „Meinen Sie?“ „Bestimmt.“ „Danke. Aber passieren lassen kann ich Sie trotzdem nicht.“ „Würdest du Salias Wohl diesem Link anvertrauen?“ Für einen Moment zögerte Mido, doch dann nickte er mit auf den Boden gerichteten Blick. „Ja. Er hätte alles für sie getan, sogar sein Leben gegeben.“ „Dann vertrau das Mädchen auch mir an. Link hat es bereits getan. Als ich ihn damals getroffen hab, hat er mir ein Lied beigebracht, mit der Bitte, Salia an seiner statt zu beschützen, wenn er es irgendwann einmal nicht können sollte.“
      Schnell zog Link die Okarina aus seinem Beutel und begann Salias Lied zu spielen. Midos Augen wurden groß und er starrte den jungen Mann vor sich mit offen stehendem Mund an. Als er sich endlich wieder gefasst hatte, trat er langsam zur Seite. „Offensichtlich hat er Ihnen wirklich vertraut – also werde ich das auch tun. Stehen Sie Salia bei, für Link und für mich.“ „Das werde ich. Versprochen.“ Er wollte gerade an Mido vorbei gehen, als dieser ihn ein letztes Mal zurück hielt. „Wissen Sie eigentlich, dass Sie Link echt ähnlich sehen? Sie haben die gleichen Augen.“